Programmarchiv 2008
Roland Klick Retrospektive

Roland KlickRoland Klick

Film - Die kunstlose Kunst

Dreimal besuchte Roland Klick die Tilsiter Lichtspiele und dreimal wurde er gefeiert, wie es sich für einen Regisseur, der wunderbare und spannende und manchmal auch sehr traurige Geschichten erzählen kann, gehört. Vielen Dank noch einmal auch an dieser Stelle an Roland Klick - der größte Unbekannte unter den größten deutschen Regisseuren!

Die Retrospektive

Film – Die kunstlose Kunst ist der Titel der großen Retrospektive zu Ehren des großen Unbekannten des deutschen Films - Roland Klick, Regisseur von gerade mal 6 Spielfilmen, 4 Kurzfilmen und einem Dokumentarfilm, alle entstanden zwischen 1966 und 1989. Sechs Bundesfilmpreise in Gold und Silber sprechen eine deutliche Sprache für das Werk eines in Leben und Schaffen extremen Ausnahmeregisseurs, der alles andere als „Krankenkassenfilme mit Behindertenrabatt“ (so Klick über den deutschen Film) machen wollte. So ist sein Klassiker DEADLOCK (1970) einer der schönsten deutschen Kinofilme, und es wäre nicht übertrieben, ihn als einen der besten Filme aller Zeiten zu bezeichnen.

Immer hart an der Grenze zum physischen, psychischen und finanziellen Maximum ganz persönlich in seine Produktionen involviert, schuf sich Klick bis zur Aufgabe und seinem künstlerischem und geografischem Exil einen Außenseiternimbus im deutschen Film, der ihn bis heute umgibt, wovon sich jeder selbst überzeugen möge, wenn Herr Klick am 05. und 07.09. die Tilsiter Lichtspiele besucht, um das Publikum der an diesen Abenden gezeigten Filme kennenzulernen. Klick ist noch heute ein außergewöhnlicher Mensch, dem es sehr leicht fällt, seine Zuhörer mit seiner Begeisterung für Filme und fürs Filmemachen anzustecken.

Wir zeigen in den drei Wochen alle Filme, sowie zusätzlich englischsprachige Fassungen von DEADLOCK und WHITE STAR, und dazu zahlreiche Interviews und Dokumentationen, desweiteren als Spezialprogramm die Filme DEADLOCK, SUPERMARKT und WHITE STAR mit interessanten und unterhaltsamen Kommentaren von Roland Klick. Ein sehr interessanter Film über das Filmemachen ist der Interviewfilm DAS KINO DES ROLAND KLICK, der 1997 von der Filmgalerie 451 mit Jürgen Jürges an der Kamera produziert wurde und der als Ergänzung die Retrospektive bereichern wird.

„DEADLOCK und SUPERMARKT zähle ich zu den Höhepunkten des Deutschen Films, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Was er denn unter Kino verstehe, fragte ich Roland Klick, und er sagte, Kino – das sei ganz viel für ihn. Vor allem aber etwas, was wir in Europa verlernt hätten: dass es nicht nur die Sprache der Wörter und der analytischen Begriffe gebe, sondern auch die Körpersprache, die Sprache der Körper der Welt, die aufgehende Sonne und den wehenden Wind.“
- Norbert Jochum, DIE ZEIT
„Sinnlichkeit, Glaubwürdigkeit und der Respekt seinen Filmfiguren gegenüber kennzeichnen das Kino des Roland Klick. Dazu kommt die Einheit von Mythos und Realismus: Charly Wierzejewski in SUPERMARKT ist nur eine kleine Asphaltratte, aber auch vom Hauch von James Dean und ewigem Rebellentum umgeben. Beides stimmt und ergibt das wahre Bild einer Figur.“
- Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung
„Klick ist eine Legende, so im Großen und Ganzen die einzige der letzten 30 Kino-Jahre. Man kann sich heute gar nicht mehr so recht vorstellen, dass hier mal Filme wie das CAN!-getriebene, acid-existentialistische Wüsten-Endspiel DEADLOCK, der pop-dialektische Sozialreißer SUPERMARKT oder der krass selbstzerstörerische Punk-Klagegesang WHITE STAR produziert wurden.“
- Olaf Möller, folgli

top

Roland KlickRoland Klick im Gespräch
mit Michael Strauwen (1982)

Roland Klick
Film + Publikum = Kino

Roland Klick, der große Unbekannte des deutschen Films, ist ebenso auch der tragisch Unvollendete unter den bedeutenden Autorenfilmern der 60er und 70er Jahre. Dabei wurde er noch 1963 nach dem Kurzfilm Ludwig (mit Otto Sander) und seinem Spielfilmdebüt Bübchen 1969 als „Wunderkind des neuen deutschen Kinos“ gefeiert. Aber schon hier konnte man das verblüffend antiintellektuelle und andersartige Erzählen besichtigen, von dem im damals hochtheoretischen und ebenso hochpolitisierten deutschen Film wahrscheinlich niemand sagen konnte, ob das überhaupt erlaubt war.

War es wohl nicht. Und so bekam er spätestens nach seinem Film Deadlock, einem genialen weil deutschen! Gangster-Italowestern (Kamera: Robert van Ackeren; Musik: CAN) mit tollen Darstellern (Mario Adorf und endlos cool: Marquard Bohm) die Härte der versammelten Kritik zu spüren: „actionlastig“ und „amerikanisch“ und überhaupt zu „kommerziell“ - will sagen ein Publikumserfolg.

Das Publikum hatte keine Lobby im neuen deutschen Film. Ich habe immer gesagt, die Leute haben bezahlt und haben ein Recht darauf, dass ich mit ihnen filmisch spreche. Das wurde mir seinerzeit als Korruption ausgelegt, aber es bedeutet das genaue Gegenteil. Kino muss aus sich selbst heraus leben, und dazu gehört, dass es sein Publikum liebt.
- Roland Klick

Auch in seinem 1973 folgenden Film Supermarkt, der Geschichte eines Underdogs im Großstadtdschungel, der beim Überfall auf einen Geldtransport schnell reich werden will, setzt Klick, statt auf Sozialkitsch und billige Gesellschaftskritik, lieber auf die genaue Darstellung seiner Figuren und auf knallhartes, gutgemachtes Actionkino und war damit seiner Zeit wohl wieder etwas zu sehr voraus. Und so begann trotz Bundesfilmpreisen und enormen Erfolgen an den Kinokassen sein lebenslanger Kampf um die Realisierung weiterer Projekte.

1975 folgte die sehr unkonventionelle und sehenswert gemachte Simmel-Verfilmung Lieb Vaterland magst ruhig sein, 1978 der Dokumentarfilm Derby Fever USA über das populärste Galopprennen Amerikas und 1983 White Star, in dem ein unkontrolliert zugekokster Dennis Hopper - mehr als authentisch - einen abgehalfterten Musikmanager im Berlin der frühen Achtziger spielt, was den Film ziemlich wirr, aber durchaus kraftvoll geraten lässt.

The emotionally most demanding film I´ve ever made and therefore the most dangerous one - for me.
- Dennis Hopper

Und das leider nicht nur für ihn! Der Streifen floppt und wird zum finanziellen Desaster für Klick, der viel eigenes Geld investierte.

Ich bin bei der Filmförderung eigentlich immer recht gut bedacht worden, das Problem ist vielmehr die so genannte Projektförderung, weil sich da ein Verein von Leuten, die zwar jahrelang mit Film zu tun hatten, aber eigentlich Parteipolitiker sind, oder Kirchenoberhäupter, anmaßen, Filme zu bewerten, eigentlich aber nur einen pluralistischen Gesellschaftskonsens herstellen können, der aber nie richtig sein kann, Film soll eigentlich immer über den Konsens hinausgehen. Sonst hat er keine Funktion. Den Konsens befriedigen, das können die Vorabendserien machen. Aber ein Kinofilm sollte immer einen Schritt in ein unbekanntes Land sein. Aber diese Gremien sind immer nur auf den Konsens aus. Fellini oder Romero hätte es bei uns nie gegeben. Die Filmförderung hätte kein einziges ihrer Projekte gefördert. Da, wo Förderung eingreift, wird sie zur Zensur, und zwar zur Zensur des Mittelmaßes.
- Roland Klick

Klick erhielt immer auch Angebote aus Hollywood, u.a. von Steven Spielberg, die er aber alle ablehnte und so machte er erst 1989 mit Schluckauf wieder einen - vorerst letzten – Spielfilm, eine für seine Verhältnisse eher kleine Geschichte, der aber sofort zum Skandal wurde, als die FFA nachträglich die vergebenen Fördergelder zurückforderte.

So einfach wie in seiner tollen Formel Filme + Publikum = Kino geht es in Deutschland eben doch leider nicht zu.

Roland Klick konnte nicht viele Filme realisieren, aber die, die er gemacht hat, waren immer echtes Kino mit vollem Einsatz und so ist der „Außenseiter“ des deutschen Films eine lebende Antithese zum risikolosen, verschnarchten bundesdeutschen Subventionskino - gestern und heute.

Und vielleicht hat ja Roland Klick auch bereits begriffen, dass das mythenbildende Kino vielleicht auch noch einen Mythos übrig hat für einen Unangepassten wie ihn.

top

DeadlockMarquard Bohm in Deadlock (1970)

Deadlock
Wahn und Western

Von Clint Eastwood gibt es das Zitat, das neben dem Jazz der Western der einzige ernst zu nehmende Beitrag Amerikas zur Weltkultur sei. Umgekehrt gibt es bis auf die gemütlichen Karl-May-Verfilmungen der 60er Jahre und den DEFA-Indianerfilmen nicht viele deutsche Beiträge zu diesem filmischsten aller Kinogenres.

Wenn da nicht dieser wäre: der 1970 gedrehte Deadlock von Roland Klick ist nicht nur ein deutscher, er ist auch einer der ungewöhnlichsten Western überhaupt. Statt mit Pferden, Colts und Sheriff wird mit Laster, Maschinenpistolen und Lagerverwalter in einer verlassenen Minenstadt ein existenzialistisches Drama inszeniert, in dem sich, getrieben vom psychedelischen Soundtrack der legendären Krautrockband The Can, ein gealterter Killer und ein verwundeter junger Gangster (der unglaublich lässige Marquard Bohm in seiner besten Rolle) um die Ausbeute ihres Raubüberfalls belauern. Ein Film wie ein zu langer Blick in die Sonne - flimmernd, fiebrig, unmittelbar, wahnhaft.

Kein „Krankenkassenfilm mit Behindertenrabatt“ – so Roland Klick über deutsche Filmförderstrukturen – sondern physisches Kino, das den Zuschauer die Glut seines Schöpfers spüren lässt. Klicks Filmographie ist selbst eine spannende Geschichte übers Überleben, ein ständiger Kampf gegen widrige Umstände und risiko- und fantasiescheue Produktionssysteme, den er leider nach 7 Filmen und 6 Bundesfilmpreisen aufgab.

top

Roland KlickRoland Klick im Interview

Würdigung eines Regisseurs
Einer, mit dem man nicht gerechnet hat

„Was kann man noch bei einer Retrospektive erleben? Zum Beispiel, ob Filme die Zeit oder sich selbst überlebt haben. Oder: ob sie sich zu dem fügen, was man ein Werk nennt. Ich habe keine Scheu, BÜBCHEN einen der genauesten und deshalb schmerzhaftesten Filme der sechziger Jahre zu nennen: vom Aufstieg des Proletariats zum Kleinbürgertum, und was das wert ist und was das kostet. Ich sage das heute um so lieber, als ich damals an BÜBCHEN nicht viel gute Haare gelassen habe.

Was BÜBCHEN für die sechziger, das ist SUPERMARKT für die siebziger und WHITE STAR für die achtziger Jahre: immer geht‘s um Konsumieren und um die Veränderung der Konsumgewohnheiten und der Menschen durch den Konsum, immer ums Geld, bei dessen Anblick der miese kleine Gangster in SUPERMARKT in Ekstase gerät und Mario Adorf in DEADLOCK Tränen vergießt. Immer wieder geht es, wie schon in dem Kurzfilm LUDWIG, um Außenseiter, an denen der allgemeine Zustand zur Kenntlichkeit kommt - kein Wunder, bin ich versucht zu sagen, bei diesem Außenseiter von Filmemacher, an dem sich der allgemeine Zustand des deutschen Kinos immer gezeigt hat...

...DEADLOCK ist für mich eine Art von Schlüsselfilm für Roland Klick, weil er all das nicht hat, was den Blick auf BÜBCHEN und WHITE STAR erhellt und gleichzeitig verstellt: die Präzision des authentischen Milieus, das nicht um des Milieus willen da ist, sondern weil die Menschen davon durchdrungen sind. DEADLOCK ist, obwohl das ein ebenso rasanter wie schmutziger, harter wie sentimentaler Actionthriller ist, DEADLOCK ist vor allem ein abstrakter Film. Weil er genau das zeigt, wie Kino, wie das Erzählen im Kino funktioniert. DEADLOCK ist ein Endspiel vom Kino, weil er das Kino bis auf die Knochen enthäutet. Weil er nichts Überflüssiges enthält, was überhaupt ein Kennzeichen der Filme von Roland Klick ist...

Und gerade weil DEADLOCK nichts Überflüssiges hat, ist der Film so reich: weil man genau zusieht, aufpaßt wie ein Luchs. Denn es könnte einem etwas entgehen. Deadlock heißt Pattsituation, Stillstand. Ich denke, das ist ein wichtiges Wort für die Filme von Roland Klick. Es ist der Stillstand des Lebens, der Augenblick und der Augen-Blick, der ihn fasziniert, der Augenblick vor der Handlung, vor der Tat, vor dem unerbittlichen Fortgang der Geschichte, der Geschichte einer Gesellschaft, aber vor allem der Geschichte, die im Kino erzählt wird...

Klick erzählt Geschichten und läßt sich auf Nebensächliches nur ein, wenn es dem Erzählen von Geschichten dient und damit nichts Nebensächliches mehr hat. Vielleicht liegt es an dieser ungewohnten und unerhörten Ökonomie, liegt es daran, daß er nichts anderes will als klassisches, schlankes Erzählkino, daß Roland Klick immer auch ein Fremder gewesen ist im deutschen Film, vor allem im Neuen Deutschen Film, der für einen, der sowenig Platz und jedenfalls keinen überschüssigen in Anspruch nimmt, prompt auch keinen rechten Platz gefunden hat. So ist er zwischen alle Stühle geraten als einer, mit dem man nicht gerechnet hatte...“

Peter W. Jansen, Filmkritiker
Aus der Laudation anläßlich einer
Retrospektive in Saarbrücken, 1992
entommen dem Buch „Das Kino des Roland Klick“
von Ulrich von Berg

top