Programmarchiv März 2009

Sieben Tage Sonntag

Sieben Tage Sonntag

D 2007, 80 min
Regie: Niels Laupert
mit: Ludwig Trepte, Martin Kiefer, Jil Funke

Was soll man machen, wenn Zeit-, Raum- und soziale Koordinaten in einem Punkt ineinandertreffen, in dem man als junger Arbeitsloser ohne Perspektive in einer polnischen Kleinstadt in einem infrastrukturellen und kulturellen Ghetto vom Leben als Geisel gefangen gehalten wird? Man freundet sich mit König Alkohol an und schlägt die Zeit tot. Oder jemand anders. Passiert in der branden- und mecklenburgischen Kulturwüste auch mit gewisser Regelmässigkeit. Doch Niels Laupert zeigt in seinem Debütfilm kein Sozialdrama mit Betroffenheitsfaktor Z und Erklärungsmuster XY. Er erklärt gar nix und zeigt dagegen die volle Härte des Lebens. Und das mit Hilfe von spielwütigen Nachwuchsstars wie Ludwig Trepte und Martin Kiefer, denen das Drehbuch authentisch wirkende und starke Szenen zugeschrieben hat.

top

Maria am Wasser

Maria am Wasser

D 2006, 99 min
Regie: Thomas Wendrich
mit: Alexander Beyer, Annika Blendl, Marie Gruber, Hermann Beyer

Im Sommer 1983 fährt in Sachsen ein Panzer mit vier Kindern des Waisenhauses „Frohe Zukunft“ durch die Elbe. Der Ausflug endet für alle Kinder tödlich, da der Panzer sinkt. 22 Jahre später: Der Orgelbauer Marcus kehrt in sein Heimatdorf Neusorge an der Elbe zurück. Er behauptet, eines der damals ertrunkenen Kinder zu sein, doch niemand erkennt ihn wieder, auch nicht sein Vater Hannes und seine Mutter Maria, die mit strenger Hand das Waisenhaus leitet. Nur der Pastor glaubt ihm, während sich das ganze Dorf mit schweigsamer Schuld bedeckt. Nach und nach deckt Marcus die Vergangenheit auf... Gelungenes Regiedebüt von Thomas Wendrich, der auch das preisgekrönte Drehbuch zum Film Freischwimmer schrieb.

top

Perestroika - Umbau einer Wohnung

pereSTROIKA - umBAU einer Wohnung

Dokumentarfilm
D 2008, 95 min
Regie: Christiane Büchner

Drushba heisst Freundschaft und Perestroika heisst Umbau. Das Russland-Haus ist umgebaut, doch knirscht und rieselt es wie eh und je in und aus allen Ecken und Decken. Die große Politik im kleinen Leben, der beabsichtige Verkauf einzelner vom Staat verschenkter Zimmer einer ehemaligen Kommunalka in St. Petersburg wird zur realsatirischen Metapher für die kleinen und großen Krisen des russischen Reiches und seiner Untertanen.

top

The International

The International OmU

D/USA 2009, 119 min
Regie: Tom Tykwer
mit: Clive Owen, Naomi Watts, Ulrich Thomsen, Armin Mueller-Stahl

Der gebürtige Wuppertaler und Langzeitberliner Tom Tykwer dreht, produziert und komponiert, war viele Jahre lang Manager des Kreuzberger Moviemento-Kino und Gründer der bekannten Produktionsfirma X-Filme. Nicht erst seit seinem aktuellen 7. Spielfilm dreht er international, doch diesmal ist der Titel sehr bezeichnend. Da in Englisch gedreht, zeigen wir die OmU-Version des Verschwörungsthrillers um den Beinahe-Bond Clive Owen, der als Interpol-Agent mit dem schönen Namen Salinger verzweifelt versucht, den üblen Machenschaften der International Bank of Business and Credit auf die Spur zu kommen und dabei analog zu den Bankern die Grenzen der Legalität überschreitet. Angelehnt an die großen Politthriller der 70er Jahre, ist der Film eine raffiniert-rasante und spannende Jagd durch Filmzitate und – Mehdorn sei Dank – den Berliner Hauptbahnhof.

top

Jerichow

Jerichow

D 2008, 93 min
Regie: Christian Petzold
mit: Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer

Noch ein Exilant aus der westdeutschen Provinz: der Hildener Christian Petzold lebt seit langem in Berlin, wo er der Berliner Schule zugerechnet wird, einer Stilrichtung im deutschen Film, die realistische und klare Geschichten erzählen will. Petzolds Stil ist aber nie ganz klar, eher magischer Realismus, er zeigt oft unheimliche Traumwelten im unbehaglichen Diesseits, in Filmen wie YELLA oder GESPENSTER. Sein neuester Film ist eine Variante der oft verfilmten THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE-Dreiecksgeschichte zwischen einer Frau, ihrem ungeliebten Mann und ihrem Liebhaber, ein Film Noir aus der Prignitz, der gekonnt mit dem klassischen Thema spielt. Benno Fürmann und Hilmi Sözer sind großartig, der eine als stoischer Ex-Militär und Afghanistan-Veteran, der andere der hochgradig eifersüchtige, erfolgreiche türkische Unternehmer.

top

Lulu & Jimi

LULU & JIMI

D 2008, 94 min
Regie: Oskar Roehler
mit: Jennifer Decker, Ray Fearon, Katrin Sass, Rolf Zacher, Udo Kier

Thank you, David L. heisst es im Vorspann von Oskar Roehlers (Die Unberührbare, Agnes und seine Brüder, Suck My Dick, Silvester Countdown und – leider auch – Elementarteilchen) neuestem Film, einer wilden Hommage an den eben erwähnten David Lynch, vor allem an Wild at Heart, und an die Filme Fassbinders und Douglas Sirks. Angesiedelt in den spiessigen Wir-bauen-unser-Wirtschaftswunder-auf-Jahren, erzählt der knallbunte Film die wilde Liebesgeschichte von Lulu, Tochter eines bankrotten Fabrikanten und Jimi, einem Schwarzen mit viel Aus-, aber wenig Ansehen. Lulus entsetzliche Mutter versucht mit allen Mitteln, diese Liebe zu sabotieren, bis sie die beiden in die Flucht treibt und dann wird es Knall auf Fall immer verrückter. Ein im besten Sinne krasser Film, einer von der Art, wie sie in gelungener Form deutschen Filmemachern eher selten passieren, ein Film, in dem auch mal unschlagbare Sätze fallen wie der von Ostfrontveteran Harry Hass: „Ich hatte eine Freundin in Stalingrad, und weißt du, was ich mit ihr gemacht habe? Ich habe sie erschossen und aufgegessen.“

top

Berlin Calling

Berlin Calling

D 2008, 109 min
Regie: Hannes Stöhr
mit: Paul Kalkbrenner, Corinna Harfouch

Der Friedrichshainer DJ Paul Kalkbrenner ist Martin Karow ist DJ Ickarus und fliegt von Gig zu Gig, von Stadt zu Stadt und von einem Trip zum nächsten und von da in die Klinik. Psychiaterin Petra Pau (Corinna Harfouch) soll ihn von den Drogen runterbringen und therapieren, doch immer wieder bricht Ickarus die Regeln, flippt aus und feiert seine Exzesse. Toller Film über Drogen, Musik und Rauschzustände, über das Musikbusiness und natürlich über Friedrichshainer Hippness. Die große Entdeckung ist Kalkbrenner, der sich als sehr talentierter Schauspieler erweist und zu Recht ganz im Mittelpunkt des dritten Spielfilmes von Hannes Stöhr (Berlin is in Germany, One Day in Europe) steht.

top

Filmreihe Richard Chamberlain zum 75. Geburtstag

In diesem Monat erhält der amerikanische Schauspieler und Teilzeitengländer Richard Chamberlain mit einer Filmreihe anlässlich seines Geburtstages am 31. März vor 75 Jahren seine kleine Ehrung durch die Tilsiter Lichtspiele.

Chamberlain war in den 70er Jahren Star in historischen Kostümfilmen wie DER MANN IN DER EISERNEN MASKE, DER GRAF VON MONTE CHRISTO oder auch in DIE DREI und kurz darauf die VIER MUSKETIERE.

In letzteren spielt er passenderweise den sensibelsten unter des Königs rauhen Streitern, nämlich Aramis, der schöne Mann mit den diskreten Frauenbekanntschaften. Aber natürlich zählen zu seinen bekanntesten Rollen die des in der japanischen Kultur gestrandeten Navigators Jack Blackthorne in SHOGUN und die des nach Australien verbannten Pater de Bricassart in DIE DORNENVÖGEL.

Weniger bekannt sind seine beiden besten Filme, nämlich DIE LETZTE FLUT des australischen Regisseurs Peter Weir und THE MUSIC LOVERS vom britischen Regie-Exzentriker Ken Russell.

Gerade der letzte Film dürfte sehr persönlich für Chamberlain gewesen sein, der erst Anfang der 90er Jahre sein öffentliches Coming Out wagte, aus Angst, eine eingestandene Homosexualität könnte ihm seine Schauspielerkarriere verderben. Denn diese Verfilmung von Peter Tschaikowskis Leben arbeitet vor allem die versteckt gelebte homosexuelle Neigung des Künstlers heraus, da verschwammen für Chamberlain sicherlich die Grenzen zwischen seinem, dem Film- und Tschaikowskis Leben. Und dem Zuschauer die Augen, ist ja schliesslich alles sehr melodramatisch, wenn auch Russelltypisch opulent und durchgeknallt inszeniert, und mit einem Soundtrack, der Tschaikowskis 6. Sinfonie, genannt die „Pathetische“, zu russischen Schneewehen rauf und runter rodelt.

 

The Last Wave OmU

Australien 1977, 100 min
Regie: Peter Weir
mit: Richard Chamberlain, Olivia Hamnett, Frederick Parslow

Chamberlain ist ein Anwalt, der die Verteidigung einiger des Mordes angeklagter Aborigines übernimmt. Doch sie lassen ihn buchstäblich im Regen stehen, bis die Apokalypse naht. Sehr düster.

 

The Three Musketeers OmU

USA/Spanien 1973, 105 min
Regie: Richard Lester
mit: Richard Chamberlain, Oliver Reed, Frank Finlay, Christopher Lee, Geraldine Chaplin, Charlton Heston, Faye Dunaway u.v.a.

Die beste Verfilmung des Dumasklassikers. Rasant, mit viel Esprit und tollen Schauspielern.

 

The Count of Monte Cristo OmU

UK/Italien 1975, 105 min
Regie: David Greene
mit: Richard Chamberlain, Trevor Howard, Donald Pleasence, Tony Curtis

Chamberlain ist Edmond Dantes, der nach den langen Jahren auf Château d‘If Rache nehmen will. Schöne Verfilmung des großartigen Romans von Dumas.

 

The Music Lovers OF

UK/USA 1970, 123 min
Regie: Ken Russell
mit: Richard Chamberlain, Glenda Jackson, Max Adrian

Bildgewaltiges Biopic mit Ken Russells sehr eigener Interpretation der gesellschaftlichen Nöte des homosexuellen Tschaikowskij und seiner Kindheitstrauma. DIE Rolle seines Lebens für Chamberlain!

top