Programmarchiv September 2009

Kleine Tricks

Kleine Tricks

Polen 2007, 96 min
Regie/Buch: Andrej Jakimowski
mit: Damian Ul, Ewelina Walendziak, Tomasz Sapryk, Rafal Guzniczak

Stefek ist ein aufgeweckter Junge von sieben Jahren in einer ländlichen Stadt. Seine Schwester Elka ist achtzehn und kümmert sich um ihn. Ihr Vater hat sich aus dem Staub gemacht, die Mutter arbeitet den ganzen Tag in einem kleinen Laden. Plötzlich entdeckt er am Bahnhof einen Mann, der sein Vater sein könnte. Er steigt hier jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit um. Wie kann er ihn dazu bewegen, länger dazubleiben...

Voller Optimismus entfaltet der Regisseur „ein wunderschönes, humorvolles Märchen über die Verwirklichung eines ständig vom Zerplatzen bedrohten Kinderwunsches, der sich spielerisch über alle Wahrscheinlichkeiten der Erwachsenenwelt hinweg setzt. ... Der Film ist ein detailreich schillerndes Highlight, dessen Gewand einer tragikomischen Sozialstudie mit fantastisch anmutenden Versatzstücken besetzt wurde. Ein unaufgeregt, aber gekonntes Charmeur-Stück über die Schönheit der Einfachheit, den fantasiereichen Ausnahmezustand Kindheit und über einen Drive, der sich vielleicht auf Gleisen oder Straßen abspielt, aber letztlich im Herzen seinen wahren Platz findet.“ (film-dienst 15/2009)

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Salami Aleikum

Salami Aleikum

D 2009, 106 min
Regie: Ali Samadi Ahadi
mit: Navid Akhavan, Anna Böger, Proschat Madani, Michael Niavarani, Wolfgang Stumph

Mohsen hat es nicht leicht. Der schmächtige Deutsch-Iraner ist bereits Ende 20 und lebt immer noch bei seinen Eltern. Sein Vater hält ihn für einen Versager. Dabei kann Mohsen durchaus etwas: wunderschön stricken. Beim Versuch die elterliche Metzgerei zu retten, havariert er ausgerechnet in der tiefsten ostdeutschen Provinz. Dort begegnet Mohsen Ana, der Frau seines Lebens: groß, stark, blond. Ein kleines bisschen muss Mohsen schwindeln: Um der Vegetarierin Ana zu gefallen, gibt er sich als Textilhändler aus. Und schon dreht sich die Stimmung: Die reichen Perser sollen die stillgelegte VEB-Hemdenfabrik kaufen und zu neuem Aufschwung führen!

Mit SALAMI ALEIKUM überrascht Regisseur Ali Samadi Ahadi erneut Publikum und Filmwelt. Nach der preisgekrönten Dokumentation LOST CHILDREN betritt Ali Samadi Ahadi mit seinem Spielfilmdebüt ein komplett neues Terrain und präsentiert eine vor Lebenslust pulsierende Komödie nach dem Motto: „Der nahe trifft den fernen Osten“.

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Solo für Sanije

Solo für Sanije

Dokumentarfilm
D 2009, 79 min
Regie/Buch: Alexandra Czok

Sanijes Leben kennen Millionen von Zuschauern, die den legendären Film SOLO SUNNY von Wolfgang Kohlhaase und Konrad Wolf gesehen haben. Die Titelfigur ist eine Frau, die versucht ihre Träume mit den Lebensrealitäten der DDR in Einklang zu bringen. Die reale Hauptfigur Sanije Torka, deren Lebensgeschichte als Fundament für einen der international erfolgreichsten DEFA-Filme diente, wurde öffentlich nie erwähnt. Inzwischen 62, lebt Sanije nach wie vor in Berlin. Nach der Wende wurde sie Langzeitarbeitslose, schließlich zur passionierten und inzwischen rechtskräftig verurteilten Ladendiebin, die zur Zeit eine zweijährige Haftstrafe in einer Justizvollzugsanstalt absitzt. Noch immer fällt sie auf und aus der Normalität heraus. Der Film porträtiert eine Widerspenstige. Sanije findet nicht in ein normales Leben - eher ist es stets ein unvollendeter, aufregender Balanceakt. Jutta Voigt hatte mit Sanije Torka ein Interview geführt, das für Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase zur Inspiration für den Filmstoff wurde. Die Rolle der eigensinnigen Sunny, die sich nicht in das allgemeingültige DDR-Leben integrieren lassen wollte, war ein Affront gegen den Staat und seine Doktrin, unter anderem deshalb war SOLO SUNNY einer der bestbesuchten Filme des ostdeutschen Kinos.

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Brüno

Brüno OmU

USA 2009, 83 min
Regie: Sacha Baron Cohen
mit: Sacha Baron Cohen, Richard Bey, Ron Paul

Sacha Baron Cohen ist Ali G ist Borat ist Brüno und als solche eine weithin bekannte schizophrene Persönlichkeit aus Funk und Fernsehen. Nach den erfolgreichen TV-Serien in UK & US und den Kinofilmen mit Ali G und Borat folgt nun der dritte im Bunde. Brüno - teils Model, teils Celebrity-Reporter und vollständig österreichisch sowie schwul - provoziert durch exzessives Naivverhalten, das kein Klischee außen vorlässt und dabei auf recht brachiale Weise sehr amüsiert.

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Mitte Ende August

Mitte Ende August

D 2009, 92 min
Regie/Buch: Sebastian Schipper
mit: Milan Peschel, Marie Bäumer, André Hennicke, Anna Brüggemann

Das verliebte Paar Thomas & Hanna zieht über den Sommer in ein neues Landhaus ein. Doch ihre traute Zweisamkeit wird durch Friedrich, den Bruder von Thomas gestört, der gerade von Frau und Kind verlassen wurde. Und dann kommt auch noch die junge Augustine hinzu. Und so nimmt Sebastian Schippers moderne Variante von Goethes „Wahlverwandtschaften“ ihren Lauf...

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Achterbahn

Achterbahn

Dokumentarfilm
D 2009, 93 min, Regie: Peter Dörfler

Spannender und hochinteressanter Dokumentarfilm über das Leben des Norbert Witte - ein Schaustellerleben mit extremen Höhen und Tiefen, in Berlin bekannt vor allem durch den pleitegewirtschafteten Spreepark, ehemals Kulturpark Plänterwald.

Norbert Witte hatte einen Traum: Er wollte aus dem Spreepark den größten Rummelplatz des gerade wiedervereinigten Deutschlands machen. Stattdessen ging der König der Karusselle pleite und setzte sich mit seiner Familie und dem größten Teil seiner Gerätschaften im Jahre 2002 nach Peru ab. Er hinterließ der Stadt Berlin einen Riesenberg Schulden und ein großes Chaos. Der Durchbruch, den er sich in Peru erhofft hatte, ließ jedoch auf sich warten. Witte musste nach Berlin zurückkehren. Die Heimreise wollte er mit Kokainschmuggel finanzieren, zu dem ihn die Drogenmafia genötigt hatte. Die Sache erwies sich als Undercoveraktion der peruanischen Polizei und brachte seinen Sohn in Peru ins Gefängnis. Er selbst wurde in Berlin zu 7 Jahren Haft verurteilt, die er zum Teil als Freigänger absaß. Sein damals 20-jähriger Sohn Marcel, der mit der ganzen Sache wenig zu tun hatte, kam nicht so leicht davon. Er wurde zu 20 Jahren verurteilt, die er in einem der härtesten Gefängnisse der Welt absitzen muss - mit nur geringer Chance, da jemals lebend wieder herauszukommen. ACHTERBAHN verfolgt die Tragödie der Familie Witte und ihren Kampf in Lima und Berlin um die Freilassung ihres Sohnes.

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Der letzte Tango in Paris

Der letzte Tango in Paris OmU

F/I 1972, 129 min
Regie: Bernardo Bertolucci
mit: Marlon Brando, Maria Schneider

Der legendäre Skandalfilm aus den glorreichen 70er Jahren liegt nun als neu gezogene Kopie vor - eine gute Gelegenheit, mal wieder Marlon Brando und Maria Schneider beim Liebesspiel zuzuschauen.

In einer leer stehenden Pariser Wohnung treffen zwei sehr verschiedene Menschen zusammen: der Amerikaner Paul und die junge Französin Jeanne. Er steht noch völlig unter dem Schock, den ihm seine Frau durch ihren plötzlichen Selbstmord bereitet hat, sie sucht eine Wohnung für sich und den Regisseur Tom, den sie bald heiraten will. In einer jähen Aufwallung körperlicher Begierde fällt Paul über die junge Frau her. Sie überlässt sich seinem aggressiven Verlangen. So beginnt eine Beziehung zwischen den beiden, die nach Pauls Vorstellungen rein sexuell bleiben soll.

Die Premiere des Films fand am 14. Oktober 1972 statt und löste wegen der drastischen und nach damaligen Maßstäben freizügigen Sexszenen einen Skandal aus, ähnlich wie neun Jahre zuvor "Das Schweigen" von Ingmar Bergman. In Italien mussten aufgrund eines Gerichtsurteils sämtliche Kopien des Films vernichtet werden; Bernardo Bertolucci wurden für fünf Jahre die Bürgerrechte aberkannt, und ein italienisches Gericht verurteilte Marlon Brando, Maria Schneider und den Produzenten Alberto Grimaldi zu je zwei Monaten Haft auf Bewährung.

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Die Nacht des Leguan

Die Nacht des Leguan OmU

The Night of the Iguana
USA 1964, 115 min
Regie: John Huston
nach: Tennessee Williams
mit: Richard Burton, Ava Gardner, Deborah Kerr

Großartige Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Tennesse Williams, von Regielümmel John Huston und mit einem grandiosen Richard Burton. Reverend Shannon zweifelt an der Kirche und hält in seiner letzten Predigt vor der versammelten Gemeinde eine trunkene Rede, die sich gewaschen hat. Er findet sich in Mexiko wieder, als Reiseleiter für geschwätzige, unausstehliche ältere amerikanische Damen. Und dann ist da aber noch die junge Charlotte mit Lolitasyndrom, die ständig versucht, den armen Shannon zu verführen. Die ganze Gesellschaft landet in einem Strandhotel, wo auch noch zwei weitere Frauen auf Shannon treffen. Brillant geschrieben, adaptiert und verfilmt.

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Mondo Weirdo

Mondo Weirdo - Jungfrau am Abgrund

Virgin on the Edge
Ö/D 1990, 55 min
Regie/Buch: Carl Andersen
mit: Soledad Marceignac, Jessica F. Manera

Mondo Weirdo - Jungfrau am Abgrund visualisiert die erotischen Alpträume eines Mädchens, das nach einem schlimmen Erlebnis hinter jeder Tür Sex und Gewalt sieht. Fast unbewegten Gesichts geht Jessica F. Manera durch ihre nach außen gestülpte groteske Innenwelt. Rasiermesser schneiden durch Oberkörper, Kehlen, Schwänze. Das ist Horror und Pornographie pur und in seiner Übersteigerung der Schrecken fast auch schon wieder komisch in aller Düsternis der körnigen Schwarzweißbilder. Es ist eine übermütig-depressive Heiterkeit, eine schrill-anarchische Orgie aus Rockmusik, Sex- und Gewaltphantasien. Ein Meilenstein des Underground-Films. (Hartmut Mechtel)

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Spuk unterm Riesenrad

Spuk unterm Riesenrad

DDR 1977-79, 176 min
Regie: Günter Meyer
Musik: Thomas Natschinski
mit: Katja Paryla, Stefan Lisewski, Siegfried Seibt, Kurt Radeke, Käthe Reichel, Katrin Raukopf, Dima Gratschow, Henning Lehmbäcker, Harry Pietzsch, Wolfgang Greese

Als Vorprogramm für Achterbahn zeigen wir die legendäre Kultserie des DDR-Fernsehens aus den 70er Jahren - der originale Kulturpark diente als Kulisse, lange bevor er Spreepark wurde. Witzig, rasant und absurd, mit tollen Dialogen in schönstem Schnodder-(Ost-)Berlinerisch. Und so fängt‘s an: ein Riese, eine Hexe und ein Rumpelstilzchen erwachen zu Leben beim Putzen im (sauberen?) Spreewasser. Und dann geht wirklich die Post ab – in Treptow, in F-Hain, am Alex und im Harz!

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Berlin Calling

Berlin Calling

D 2008, 109 min
Regie: Hannes Stöhr
mit: Paul Kalkbrenner, Corinna Harfouch

Der Friedrichshainer DJ Paul Kalkbrenner ist Martin Karow ist DJ Ickarus und fliegt von Gig zu Gig, von Stadt zu Stadt und von einem Trip zum nächsten und von da in die Klinik. Psychiaterin Petra Pau (Corinna Harfouch) soll ihn von den Drogen runterbringen und therapieren, doch immer wieder bricht Ickarus die Regeln, flippt aus und feiert seine Exzesse. Toller Film über Drogen, Musik und Rauschzustände, über das Musikbusiness und natürlich über Friedrichshainer Hippness. Die große Entdeckung ist Kalkbrenner, der sich als sehr talentierter Schauspieler erweist und zu Recht ganz im Mittelpunkt des dritten Spielfilmes von Hannes Stöhr (Berlin is in Germany, One Day in Europe) steht.

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