Programmarchiv Oktober 2009

Filmreihe Lars von Trier

Lars von Trier

Lars von Trier, der mit Abstand talentierteste Filmregisseur der Gegenwart, ist zurück. ANTICHRIST heißt sein neuester Film, dessen anmaßender Titel schon deutlich macht, was den Berserker des europäischen Kinos und Wiederentdecker des religiösen Pathos im Film umtreibt.

Denn keiner sucht wie er mit solcher Brutalität nach den subkutanen Tiefenstrukturen des Cinematografischen; als einziger sieht er das Kino – noch oder schon wieder – als moralische Anstalt, in der fernab von den üblichen Filmbanalitäten – deren vorhersagbaren Qualitäten er sich bis zur Selbstverleugnung verweigert – die großen Fragen verhandelt werden können.

Dabei hat er immer auch seinem Talent misstraut, dieser Leichtigkeit, mit der sich bei ihm wie durch Zauberhand immer wieder große Kunst einstellt – und so widmet sich der Meister, in zumindest der Hälfte seiner Werke, ausgiebig der Zerstörung des Films, was zwar das Publikum öfters eher erzürnt als entzückt, in seiner Radikalität aber trotzdem tausendmal unterhaltsamer ist als die immergleichen boy-meets-girl-Geschichten, die sonst aktuell den visuellen Background einer zutiefst infantilisierten Gesellschaft bebildern.

Die Monumentalität und Selbstbezüglichkeit seines Schaffens, oft zwischen Therapiegruppe und Größenwahn schwankend, sind nicht frei von Kollateralschäden und so gestaltet sich seine Filmografie auch eher als ein gewundener Passionsweg voller Selbstekel und gnadenloser Selbstkasteiung, denn als ein gerader Weg zum Ziel.

Fazit: Kino zwischen cineastischem Hochamt und Zumutung – ein Filmemacher für Erwachsene!

Wir zeigen im Oktober und November alle Filme von Von Trier, beginnend mit seinen ersten drei Filmen – der EUROPA-TRILOGIE – und seinem jüngsten Kinofilm ANTICHRIST.

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Filmreihe Roland Klick

Roland Klick im Kino Tilsiter Lichtspiele 2008

Roland Klick, der große Unbekannte des deutschen Films, ist ebenso auch der tragisch Unvollendete unter den bedeutenden Autorenfilmern der 60er und 70er Jahre. Dabei wurde er noch 1963 nach dem Kurzfilm Ludwig (mit Otto Sander) und seinem Spielfilmdebüt Bübchen 1969 als „Wunderkind des neuen deutschen Kinos“ gefeiert. Aber schon hier konnte man das verblüffend antiintellektuelle und andersartige Erzählen besichtigen, von dem im damals hochtheoretischen und ebenso hochpolitisierten deutschen Film wahrscheinlich niemand sagen konnte, ob das überhaupt erlaubt war.

War es wohl nicht. Und so bekam er spätestens nach seinem Film Deadlock, einem genialen weil deutschen! Gangster-Italowestern (Kamera: Robert van Ackeren; Musik: CAN) mit tollen Darstellern (Mario Adorf und endlos cool: Marquard Bohm) die Härte der versammelten Kritik zu spüren: „actionlastig“ und „amerikanisch“ und überhaupt zu „kommerziell“ - will sagen ein Publikumserfolg.

Das Publikum hatte keine Lobby im neuen deutschen Film. Ich habe immer gesagt, die Leute haben bezahlt und haben ein Recht darauf, dass ich mit ihnen filmisch spreche. Das wurde mir seinerzeit als Korruption ausgelegt, aber es bedeutet das genaue Gegenteil. Kino muss aus sich selbst heraus leben, und dazu gehört, dass es sein Publikum liebt. - Roland Klick

Auch in seinem 1973 folgenden Film Supermarkt, der Geschichte eines Underdogs im Großstadtdschungel, der beim Überfall auf einen Geldtransport schnell reich werden will, setzt Klick, statt auf Sozialkitsch und billige Gesellschaftskritik, lieber auf die genaue Darstellung seiner Figuren und auf knallhartes, gutgemachtes Actionkino und war damit seiner Zeit wohl wieder etwas zu sehr voraus. Und so begann trotz Bundesfilmpreisen und enormen Erfolgen an den Kinokassen sein lebenslanger Kampf um die Realisierung weiterer Projekte.

1975 folgte die sehr unkonventionelle und sehenswert gemachte Simmel-Verfilmung Lieb Vaterland magst ruhig sein, 1978 der Dokumentarfilm Derby Fever USA über das populärste Galopprennen Amerikas und 1983 White Star, in dem ein unkontrolliert zugekokster Dennis Hopper - mehr als authentisch - einen abgehalfterten Musikmanager im Berlin der frühen Achtziger spielt, was den Film ziemlich wirr, aber durchaus kraftvoll geraten lässt.

The emotionally most demanding film I´ve ever made and therefore the most dangerous one - for me. - Dennis Hopper

Und das leider nicht nur für ihn! Der Streifen floppt und wird zum finanziellen Desaster für Klick, der viel eigenes Geld investierte.

Ich bin bei der Filmförderung eigentlich immer recht gut bedacht worden, das Problem ist vielmehr die so genannte Projektförderung, weil sich da ein Verein von Leuten, die zwar jahrelang mit Film zu tun hatten, aber eigentlich Parteipolitiker sind, oder Kirchenoberhäupter, anmaßen, Filme zu bewerten, eigentlich aber nur einen pluralistischen Gesellschaftskonsens herstellen können, der aber nie richtig sein kann, Film soll eigentlich immer über den Konsens hinausgehen. Sonst hat er keine Funktion. Den Konsens befriedigen, das können die Vorabendserien machen. Aber ein Kinofilm sollte immer einen Schritt in ein unbekanntes Land sein. Aber diese Gremien sind immer nur auf den Konsens aus. Fellini oder Romero hätte es bei uns nie gegeben. Die Filmförderung hätte kein einziges ihrer Projekte gefördert. Da, wo Förderung eingreift, wird sie zur Zensur, und zwar zur Zensur des Mittelmaßes. - Roland Klick

Klick erhielt immer auch Angebote aus Hollywood, u.a. von Steven Spielberg, die er aber alle ablehnte und so machte er erst 1989 mit Schluckauf wieder einen - vorerst letzten – Spielfilm, eine für seine Verhältnisse eher kleine Geschichte, der aber sofort zum Skandal wurde, als die FFA nachträglich die vergebenen Fördergelder zurückforderte.

So einfach wie in seiner tollen Formel Filme + Publikum = Kino geht es in Deutschland eben doch leider nicht zu.

Roland Klick konnte nicht viele Filme realisieren, aber die, die er gemacht hat, waren immer echtes Kino mit vollem Einsatz und so ist der „Außenseiter“ des deutschen Films eine lebende Antithese zum risikolosen, verschnarchten bundesdeutschen Subventionskino - gestern und heute.

Und vielleicht hat ja Roland Klick auch bereits begriffen, dass das mythenbildende Kino vielleicht auch noch einen Mythos übrig hat für einen Unangepassten wie ihn.

Wir zeigen vom 22.10. bis 04.11. alle Filme von Roland Klick, am 23.10. wird Roland Klick auch bei uns zu Gast im Kino sein.

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Kinofilme im Oktober

Der Dorflehrer

Der Dorflehrer

CZ/F/D 2008, 110 min
Regie, Drehbuch: Bohdan Sláma
mit: Pavel Liska, Marek Daniel, Ladislav Sedivý

Der junge Petr kehrt der Großstadt den Rücken, um auf dem Land eine Stelle als Dorflehrer anzunehmen. Im idyllisch gelegenen Dorf lernt er die junge Witwe Marie kennen, die zusammen mit ihrem 18-jährigen Sohn einen Bauernhof bewirtschaftet. In den sonnenüberfluteten Feldern Böhmens entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen. Doch während Marie sich von dieser Freundschaft bald mehr erhofft, reagiert der Lehrer zurückhaltend.

Bohdan Sláma (Die Jahreszeit des Glücks) gelang eine wunderschön gefilmte, beeindruckend gespielte und bewegende Geschichte über zwei Menschen, die sich innig nach Liebe sehnen und doch nicht zusammen kommen können.

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Der Dorflehrer

Memelland

Dokumentarfilm
D 2008, 88 min
Regie, Drehbuch: Volker Koepp

Volker Koepp bereist das litauische Ufer des großen östlichen Stroms, von den Menschen dort auch „Klein-Litauen“ genannt. Sie erzählen von ihrem Leben in dieser Grenzregion, vom Ende des Krieges und der Zeit, in der Litauen zur Sowjetunion gehörte, und von der Gegenwart. Und sie berichten von der einzigartigen Natur, die sie umgibt, am Strom und am Haff. Volker Koepp und seinen Kameramann Thomas Plenert zog es in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer wieder in die früher zu Ostpreußen gehörenden Landschaften. KALTE HEIMAT (1995), DIE GILGE (1999) oder KURISCHE NEHRUNG (2000) etwa entstanden vor allem im Kaliningrader/Königsberger Gebiet, der russischen Exklave, die heute von Polen und Litauen umgeben ist. Die Grenze zwischen der Exklave und Litauen bildet in der Gegenwart über einhundert Kilometer der Oberlauf der Memel, die dann ein Delta bildet und in das Kurische Haff fließt. Die Niederungslandschaften beiderseits des Flusses nannte man früher auch „Preußisch-Litauen“. Dort lebten seit jeher Deutsche und Litauer.

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Solo für Sanije

Solo für Sanije

Dokumentarfilm
D 2009, 79 min
Regie/Buch: Alexandra Czok

Sanijes Leben kennen Millionen von Zuschauern, die den legendären Film SOLO SUNNY von Wolfgang Kohlhaase und Konrad Wolf gesehen haben. Die Titelfigur ist eine Frau, die versucht ihre Träume mit den Lebensrealitäten der DDR in Einklang zu bringen. Die reale Hauptfigur Sanije Torka, deren Lebensgeschichte als Fundament für einen der international erfolgreichsten DEFA-Filme diente, wurde öffentlich nie erwähnt. Inzwischen 62, lebt Sanije nach wie vor in Berlin. Nach der Wende wurde sie Langzeitarbeitslose, schließlich zur passionierten und inzwischen rechtskräftig verurteilten Ladendiebin, die zur Zeit eine zweijährige Haftstrafe in einer Justizvollzugsanstalt absitzt.

Noch immer fällt sie auf und aus der Normalität heraus. Der Film porträtiert eine Widerspenstige. Sanije findet nicht in ein normales Leben - eher ist es stets ein unvollendeter, aufregender Balanceakt. Jutta Voigt hatte mit Sanije Torka ein Interview geführt, das für Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase zur Inspiration für den Filmstoff wurde. Die Rolle der eigensinnigen Sunny, die sich nicht in das allgemeingültige DDR-Leben integrieren lassen wollte, war ein Affront gegen den Staat und seine Doktrin, unter anderem deshalb war SOLO SUNNY einer der bestbesuchten Filme des ostdeutschen Kinos.

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Berlin Calling

Berlin Calling

D 2008, 109 min
Regie: Hannes Stöhr
mit: Paul Kalkbrenner, Corinna Harfouch

Der Friedrichshainer DJ Paul Kalkbrenner ist Martin Karow ist DJ Ickarus und fliegt von Gig zu Gig, von Stadt zu Stadt und von einem Trip zum nächsten und von da in die Klinik. Psychiaterin Petra Pau (Corinna Harfouch) soll ihn von den Drogen runterbringen und therapieren, doch immer wieder bricht Ickarus die Regeln, flippt aus und feiert seine Exzesse. Toller Film über Drogen, Musik und Rauschzustände, über das Musikbusiness und natürlich über Friedrichshainer Hippness. Die große Entdeckung ist Kalkbrenner, der sich als sehr talentierter Schauspieler erweist und zu Recht ganz im Mittelpunkt des dritten Spielfilmes von Hannes Stöhr (Berlin is in Germany, One Day in Europe) steht.

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