Mitternachtskino

Marquis de Sade und die Französische Revolution

Juli 2011

Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt!

Wenige Tage vor dem symbolträchtigen Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 rief ein Gefangener den vor der Festung demonstrierenden Menschen zu: „Sie töten die Gefangenen hier drinnen!“ Das war nicht sehr klug von ihm, denn er wurde sofort verlegt, in die Irrenanstalt von Charenton-Saint-Maurice und verpasste so seine Befreiung. Es gelang ihm aber einen heimlich geschriebenen literarischen Text zu verstecken, der später gefunden und erst 1904 durch den Arzt und Sexualforscher Iwan Bloch wiederentdeckt wurde.

Der Text war das Fragment von Die 120 Tage von Sodom und sein Verfasser hieß Donatien Alphonse François de Sade, oder schlicht Marquis de Sade. Nur ein Jahr später brachten ihm die durch die Revolution in Gang gesetzten Veränderungen dennoch die Feiheit und er schloß sich den Jakobinern an.

De Sade entwickelte radikale Ideen, zum Teil weit über die Grenzen des damals und auch noch für lange Zeit danach Zumutbaren hinausstoßend.

„Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt!“ betitelte 1795 de Sade sein in der Philosophie im Boudoir veröffentlichtes Traktat und kündigte an:

„Ich werde euch große Ideen darlegen: Man wird sie anhören und sie werden durchdacht werden; und finden nicht alle Anklang, so werden doch zumindest einige im Gedächtnis haften bleiben und ich werde in irgendeiner Weise zum Fortschreiten der Aufklärung beigetragen haben.“

De Sade rief seine Zeitgenossen an, jetzt nur keinen Fehler zu machen und alles auszumerzen, was die neue noch mit der alten Zeit verband, vor allem die christliche Religion und die von ihr der Gesellschaft aufgezwungene Moral. Er plädierte heftig für die Freiheit des Einzelnen und forderte auch eine Reform der Sitten und der Ethik.

Sexuelle Ausschweifungen sollten der Befriedigung der Libido dienen und Normalität sein, anstatt unterdrückt zu werden. Der Staat sollte seine Gesetze vereinfachen, anstatt die Verbote zu vervielfachen, Ziel sollte stets das Glück und die Ruhe des Bürgers und das Wohl des Vaterlandes sein und vor allem sollte die Republik ihre neuen Errungenschaften nicht mit Feuer und Schwert in die Welt hinaustragen.

Robespierre hatte indessen seinen Kopf an seine Nachfolger abgeben müssen und de Sade, der während des Terrors zum Tode verurteilt worden war, kam noch einmal frei. Das besitzende Bürgertum übernahm die Macht und konsolidierte die Revolution gegen die Radikalen und die Monarchisten.

1799 wurde die Macht an Napoleon delegiert und zwei Jahre später kam de Sade aufgrund von Denunziationen wieder nach Charenton - wo er bis zu seinem Tode 1814 bleiben musste.

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Marquis de Franco #2

Justine (OV)

Original version

Justine

D/I 1968, 119 Min. – Regie: Jess Franco. Darsteller: Klaus Kinski, Romina Power, Maria Rohm, Horst Frank, Sylva Koscina, Harald Leipnitz, Jack Palance

Noch ein Jess Franco, Skandalfilm seiner Zeit, frei nach den Romanen "Justine oder vom Missgeschick der Tugend" und "Juliette oder die Vorteile des Lasters". Klaus Kinski ist Marquis de Sade (siehe Kinski über Franco).

"Von zwei charakterlich sehr verschiedenen Schwestern wird die Gute" fortlaufend vom Pech verfolgt; sie findet erst mit Hilfe der Skrupellosen ihr Glück. Aus Romanen de Sades zusammengeflickte Schnulze mit unreflektiert nihilistischem Weltbild." (Lexikon des Int. Films) - wohl bekomm's!

Spielzeiten
01. - 03. August: 23:55 Uhr
Filmkritik
Klaus Kinski über Jess Franco
"Jess Franco...! Ein sehr eigenartiger Kerl. Er hat mit mir einmal Marquis de Sade: Justine gedreht, wo ich die Hauptrolle von Sade hatte und meine ganze Rolle mit drei Kameras in vier Stunden abfilmte. Er hat dann diese Szenen in den Rest des Films hineingeschnitten. Ich war gerade dabei, in Barcelona einen anderen Film zu machen, und der englische Produzent Harry Alan Towers - für den ich neun oder zehn Filme gemacht habe und der ein Kerl ist, der die Hälfte seiner Zeit im Gefängnis zubringt und die andere Hälfte beim Filmeproduzieren - hat mir gesagt: "Sei nett, mach was du willst aber spiel mir den Marquis de Sade im Gefängnis." Also habe ich ihm den Gefallen getan und den ersten Film mit Franco gedreht. Franco war Assistent von Buñuel gewesen, er ist also kein Schwachkopf. Nur war er einige Male von den Produzenten gezwungen worden, Filme in zehn Tagen zu machen."
Filmbilder
Justine Justine Justine

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Marquis de Franco #1

Eugenie

Eugenie

Spanien/D 1970, 83 Min. - Regie: Jess Franco. Darsteller: Marie Liljedahl, Maria Rohm, Christopher Lee

"Die Philosophie im Boudoir", frei nach de Sade, diente Vielfilmer Jess Franco als Vorlage für ein kleines Meisterwerk des europäischen Trashkinos, auch bekannt als "Die Jungfrau und die Peitsche". Die naive Eugenie wird von Madame de St. Ange für ein Wochenende auf deren Mittelmeerinsel gelockt. Dort soll sie für die okkulten Zusammenkünfte einer de-Sade-Sekte zur Verfügung stehen. Der Film gehört zu den wenigen Werken Francos, bei denen er sich richtig Mühe gab, mit teilweise sehr interessanten experimentellen Szenen. Zu verdanken ist dies dem britischen Produzenten Harry Alan Towers, mit dem Franco 1966-70 zusammenarbeitete. Christopher Lee war seine Mitwirkung an diesem Film später aber peinlich.

Spielzeiten
30. - 31. Juli: 23:55 Uhr
Filmkritik
arte
Qualitativ gesehen gehört DE SADES EUGENIE – DIE JUNGFRAU UND DIE PEITSCHE sicherlich mit zu seinen besten Werken. Man könnte diesen auch als Experimentalfilm beschreiben. Der Kamera gelingt es hypnotische Bilder zu schaffen, die Orgiensequenzen sind gänzlich rot eingefärbt. Eine Grenzerfahrung für Cineasten, ein Experiment, das man wenigstens einmal eingehen sollte. »
Filmbilder
Eugenie Eugenie Eugenie

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Historiendrama

De Sade (OV)

Original version

De Sade

USA/D 1969, 120 Min. - Regie: Cyril R. Endfield, Roger Corman, G. Hessler. Produktion: Samuel Z. Arkoff, James H. Nicholson, Artur Brauner. Drehbuch: Richard Matheson. Darsteller: Keir Dullea, Senta Berger, Lilli Palmer, John Huston

Aufwendige deutsch-amerikanische Freundschaftsproduktion mit einem illustren Gewimmel auf Regiestühlen und Produzentencouches. Viel- und Schnellfilmer Roger Corman war zunächst involviert, zog sich aber von dem Projekt zurück, da er die notwendigen Szenen mit de Sades Exzessen als unmöglich an den Zensoren vorbeizubringen erachtete. In einer Nebenrolle ist der Regisseur John Huston zu sehen. Das Drehbuch stammt von Richard Matheson (*1926), Autor des legendären Romans I Am Legend, der dreimal verfilmt wurde, u.a. mit Charlton Heston als Omega Man. Die Rolle des Marquis de Sade wird von Keir Dullea gespielt, den man vor allem als Dr. David Bowman aus 2001: A Space Odyssey kennt.

Spielzeiten
24. - 26. Juli: 23:55 Uhr
Filmkritik
Int. Filmlexikon
Die vielschichtige Gestalt des berühmt-berüchtigten Lebemanns und Schriftstellers Marquis de Sade, seine Jugend, Exzesse, Gefängniszeit und schließlich sein Sterben. Eine aufwendig ausgestattete Koproduktion, die den Marquis als Produkt des bösen Einflusses seines Onkels, eines Geistlichen, sowie hochadeliger Intrigen und polizeilicher Willkür begreift, wobei sich Szenen aus Wahn und Wirklichkeit, Gegenwärtigem und Vergangenem, realem Leben und Bühnenspiel überlagern. De Sades kulturhistorische Bedeutung tritt freilich deutlich hinter den erotischen Begebenheiten zurück; eindrucksvoll gespielt in der Titelrolle.
Filmbilder
De Sade De Sade De Sade

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Theaterverfilmung

Marat/Sade (OV)

Original version

Marat/Sade Filmplakat

UK 1966, 117 Min. - Regie: Peter Brook. Drehbuch: Adrian Mitchell. Vorlage: Peter Weiss. Darsteller: Ian Richardson, Patrick Magee, Glenda Jackson

Legendäre Verfilmung von Peter Weiss' berühmtem Theaterstück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" durch Peter Brook mit der Royal Shakespeare Company, mit Patrick Magee als Marquis de Sade, Ian Richardson als Jean-Paul Marat und Glenda Jackson als seine Mörderin Charlotte Corday.

In Charenton verbrachte De Sade die letzten 14 Jahre seines Lebens, inszenierte tatsächlich Theaterstücke mit den Patienten unter einem aufgeklärten Direktor. Doch Marat war er nie begegnet, auch wenn er kurz nach dessen Ermordung bei einer Gedenkfeier eine Rede hielt. In der Ära Napoleon rückblickend auf die Französische Revolution, werden im Irrenhaus Fragen der Gewalt, der Moral und der Gesellschaft diskutiert.

Spielzeiten
17. - 19. Juli: 23:55 Uhr
Filmkritik
Int. Filmlexikon
Die imaginäre Begegnung zweier Figuren der Weltgeschichte in der modellhaften Umgebung eines Irrenhauses. Während der französische Revolutionär Marat und der moralische Anarchist de Sade über Formen und Wirkungsweise staatlicher und individueller Gewalt diskutieren, werden ihre Thesen von einem vielstimmigen Chor historischer Reminiszenzen, politischer Theorien und philosophischer Exkurse kommentiert. Aus dem mehrfach gebrochenen Spektrum unterschiedlicher Perspektiven entsteht ein ebenso intensives wie düsteres Bild des Abendlandes nach der bürgerlichen Revolution von 1789.
Filmbilder
Marat/Sade Marat/Sade Marat/Sade

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Groteske

Marquis (OmU)

Original version with German subtitles

Marquis Filmplakat

Belgien/F 1989, 80 Min. - Regie/Buch: Roland Topor, Henri Xhonneux. Darsteller: Philippe Bizot, Bien de Moor, Bernard Cognaux

Marquis de Sade sitzt in der Bastille, schreibt in winzig kleiner Schrift Die 120 Tage von Sodom und diskutiert mit seinem Schwanz, der ein kleines Gesichtchen und eine rauchige Frauenstimme hat, literarische und sexuelle Probleme. Der französische Surrealist Roland Topor arbeitete mit an dieser fantastischen Groteske, in der alle Darsteller Tiermasken gemäß ihres Charakters tragen.

Der französische Künstler Roland Topor schrieb groteske und alptraumhafte Erzählungen und Gedichte wie Der Mieter - verfilmt von Roman Polanski -, oder Monsieur Laurents Baby, ein seltsames Poem, in der ein Vater sein Baby an die Haustür nagelt, weil es ja sonst zu nichts nütze ist. Zusammen mit den Künstlern Alejandro Jodorowsky und Fernando Arrabal gründete der vom Surrealismus beeinflußte Topor 1962 in Paris die Mouvement Panique, die in Anlehnung an Antonin Artauds Theater der Grausamkeit möglichst schockierende Performances inszenierte.

Spielzeiten
10. - 12. Juli: 23:55 Uhr
Filmkritik
Nahaufnahmen.ch
Zutiefst karnevalesk, eine Menagerie blasphemischer und obszöner Figuren, gewitzter Dialoge (samt Anspielungen auf die dunkleren Seiten der Literaturgeschichte), einfallsreicher Sets und zutiefst schwarzhumoriger Witze... Dem Film gelingt es, mit alledem einen stimmigen Gegenkosmos zu konstruieren, der als Zerrbild der Gesellschaft zutiefst zynisch sein mag, aber sich dennoch jeglichen Nihilismus enthält. Im Gegenteil, es geht ihm durchaus um Ideale: Die Schriften des Marquis sind das Prisma, durch das Welt hier gebrochen wird. Er wird mitnichten als dekadenter Pornograph präsentiert, sondern als Verfechter eines radikalen Freiheitsprinzips, das nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden will und stattdessen die Lust als oberste Maxime setzt. »
Filmbilder
Marquis Marquis Marquis

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Dušan Makavejev

16. Juni - 06. Juli 2011

Dušan Makavejev

Das goldene Zeitalter von Buñuel und Dalí, Week-End und Eins plus Eins von Godard, Tausendschönchen von Věra Chytilová... in diese Reihe anarchistisch-surrealistischer Werke gehört sicher W.R. - Mysterien des Organismus, ein Film vom jugoslawisch-amerikanischen Regisseur Dušan Makavejev.

Sein provokantes und bizarres Meisterwerk der filmischen Collage über Wilhelm Reich und die Folgen seiner Lehren brachte dem studierten Psychologen ein Aufführungsverbot ein, so dass er Anfang der 70er Jahre in die USA auswanderte.

Sein folgender Film Sweet Movie wurde in mehreren Ländern verboten, zu unerträglich schien die Montage von obszönen und gewalttätigen Bildern mit Archivmaterial von wahren Verbrechen. Ein Guerillero darf jede Waffe benutzen, die ihm zur Verfügung steht, Pflastersteine, Kugeln, Slogans, Musik, Film, so Majavejev. Faschismus sei die Angst des sexuellen Krüppels, so Wilhelm Reich. Und die sexuelle Befreiung führe zur Befreiung des Menschen. So beide.

Das ist natürlich Quatsch und Autoren wie Michel Foucault oder Michel Houellebecq beschrieben die Folgen der 68er Bewegung und der sexuellen Revolution wesentlich ernüchterter.

"Ich war erleichtert, als ich bei Foucault gelesen habe, daß die eigentliche Funktion der Studentenbewegung 1968 war, die Struktur der Universitäten für die Bedürfnisse der modernen Industrie zu verändern. Und das hat ja auch funktioniert." -- Heiner Müller

Aber alles in allem bleiben am Ende die beiden avantgardistischen Filme von Makavejev, die in ihrer radikalen Ästhetik und ihren Aussagen ihresgleichen suchen, und bei der heutigen Rezeption zur kopfschüttelnden Erkenntnis führen, das könnte man beim besten Willen nicht mehr drehen. Um so mehr ein Grund, sich damit vertraut zu machen.

Interviews

Dušan Makavejev
jugosl.-amerik. Regisseur, geb. am 13.10.1932 in Belgrad

Dusan Makavejev

Dušan Makavejev, 2011

Dusan Makavejev

Dušan Makavejev, 1971

Wilhelm Reich

Wilhelm Reich

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Wilhelm Reich und Lenin

W.R. - Mysteries of the Organism (OV, engl. UT)

Original version with English subtitles

Makavejevs Film ist einer der unbestrittenen Höhepunkte des avantgardistischen Kunstkinos, ein Meilenstein nicht nur der 70er Jahre, ein anarchistisch-surrealistisches Meisterwerk, das nicht genug gewürdigt werden kann. Wilhelm Reich, Karl Marx, Lenin, Tito, Sex, Kommunismus, Revolution, Verrat, Befreiung, Tod - mit einer wilden Montage seines eigenen Filmes mit Archivmaterial schuf der jugoslawische Regisseur eine Filmcollage, die ihm konsequenterweise das Exil einbrachte.

Der 1. Teil zeigt Leben, Verfolgung und Tod des freudianisch-marxistischen Psychoanalytikers Wilhelm Reich, dessen Theorie und Praxis einer sexuellen Befreiung als Grundlage gesellschaftlicher Befreiung verketzert wurde - von Stalinisten ebenso wie von Konservativen in den USA der McCarthy-Ära. Der 2. Teil des Films spielt im Jugoslawien des Jahres 1970 und zeigt den Versuch der "sexuell befreiten" Milena, den stalinistisch-dogmatischen sowjetischen Eiskunstläufer Vladimir Ilyich im Reich'schen Sinne zu agitieren.

Filmkritik

Olaf Möller: Anarchie und Extase
Mit WR: Mysteries of the Organism sprengte Makavejev schliesslich sämtliche Genregrenzen – eine Filmcollage um Wesen und Wirken Wilhelm Reichs beschreibt diese irrlichternde, polymorph perverse Mixtur aus Dokumentation, brechtisch-volksstückhaften Spielszenen, polithistorischen Essay(ein)schüben und Aufklärungsfilm noch am neutral-sachlichsten. Das ist es denn auch, was man bis heute mit dem Namen Makavejev verbindet: dieses subversive, der Sinnes-, Woll- wie Theorielust huldigende Kino der Collage. »

Fluter: Kinomanifest für eine neue Zeit
Makavejevs Filme, und das gilt vor allem für W.R. - Mysterien des Organismus, sind schwer verständlich. Über seinen Stil hat er einmal gesagt, dass "ein Guerilla jede Waffe nutzen darf, die ihm zur Verfügung steht: Pflastersteine, Kugeln, Slogan, Musik. Genauso ist es mit Film. Wir können benutzen, was uns in die Hände fällt: Fiktion, Dokumentationen, Kulturfilme, Werbung. Es kommt nicht auf den Stil an. Man muss sich den Überraschungsmoment zu Nutze machen." Auf keinen seiner Filme trifft diese Einschätzung besser zu als auf W.R. - Mysterien des Organismus. »

W.R. - Misterije organizma
Jugoslawien/D 1971, 85 Min. - Regie, Buch, Produktion: Dušan Makavejev

W.R. - Mysteries of the Organism - Filmszene 01
W.R. - Mysteries of the Organism - Filmszene 02

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Karl Marx und Otto Mühl

Sweet Movie (OV)

Original version

Die seltsamen Abenteuer einer Jungfrau in Kombination mit der Flussfahrt einer Frau auf einem Kahn voller Süßigkeiten in den Grachten Amsterdams. Gewalt, Sex und Körperflüssigkeiten werden zu einer drastisch-satirischen Collage montiert, die jegliche visuellen Medien und ihre Rezeption verspottet und in Aufnahmen von Otto Mühls berühmten fäkalistischen Kunstaktionen kulminiert, alles immer wieder unterbrochen von Archivmaterial von den Massergräbern von Katyn, gefilmt von den Deutschen, die fälschlicherweise bis zur Perestroika-Ära als die Urheber des Mordes an tausenden polnischen Offizieren angesehen wurden, auch wenn es die Russen gewesen waren.

Filmkritik
Olaf Möller: Anarchie und Extase
Mit Sweet Movie beginnt die internationale Periode Makavejevs, auch wenn der Film noch nach den Prinzipien seiner letzten SFRJ-Werke funktioniert: Zwei sich wie eine Doppelhelix umwindende Grotesken – die Passion(en) der Miss World 1984 und die wirren Wege der Revolutionärin Anna Planeta – liefern das narrative Gerüst – dazwischen immer wieder, als unheimlicher Hallraum, Katyn, die Massengräber, gefilmt von den Nazis. Eigenartig schwerelos fühlt sich Sweet Movie an: Hier geht wirklich alles, inklusive Porno – was dem Ganzen etwas so bezaubernd wie verstörend Abstraktes verleiht. Sweet Movie ist Makavejevs freiester wie verstiegenster Film – darin aber auch sein einsam-verlassenster. »

Sweet Movie
Kanada/F/D 1974, 98 Min. - Regie, Buch: Dušan Makavejev. Darsteller: Carole Laure, John Vernon, Anna Prucnal, Pierre Clémenti, Jane Mallett, Sami Frey, Otto Muehl, George Melly, Roland Topor

Sweet Movie - Filmszene 01
Sweet Movie - Filmszene 02

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Berlin um Mitternacht

Exzesse in Kreuzberg

Possession (OmU)

Original version with German subtitles

Possession

D/F 1981, 119 Min. - Regie: Andrzej Żuławski. Drehbuch: Frederic Tuten, Andrzej Żuławski. Darsteller: Isabelle Adjani, Sam Neill, Heinz Bennent

Ein Mann (Neill) kommt zurück und die Welt ist aus den Fugen: die Mauer in Kreuzberg, seine Frau (Isabelle Adjani) will ihn und das gemeinsame Kind nicht mehr, es gibt einen anderen Liebhaber (Bennent), und dann gibt es noch einen geheimnisvollen Dritten...

Der Regisseur des bewegenden Nachtblende (1974, mit Romy Schneider) drehte diesen äusserst ungewöhnlichen Berlinfilm und hochverschlüsselten Liebesfilm, der nie in deutschen Kinos lief und absurderweise in England verboten war. Isabelle Adjani ist hier unglaublich stark, für ihre herausragende schauspielerische Leistung wurde sie in Cannes 1981 und bei der César-Verleihung 1982 als Beste Schauspielerin geehrt.

Spielzeiten
April 2011
Filmkritik

Lexikon des Int. Films
Zulawskis Skandalfilm ist ein höchst irritierendes, allenfalls fragmentarisch mit Handlung gefülltes Werk kafkaesker Dimension, bei dem sich das Innenleben der Protagonisten in Fleisch gewordenen Albtraumvisionen nach außen kehrt. Das im wahren Wortsinn aufopferungsvolle, an die physischen Grenzen gehende Spiel der beiden Hauptdarsteller, die unstete Kamera und die grotesken Spezialeffekte machen aus dem absurden Gewalttheater nachhaltig bewegendes Kunstkino.

Mitternachtskino
"Possession" ist ein Reißer. Ein kultisch verehrtes Meisterwerk. Vollkommen zu Recht betrachtet beispielsweise Darsteller Sam Neill diesen Film als seinen besten ausländischen Erfolg. Zulawskis ungebändigte Energie, seine schier pervers-verrückte Geschichte und die Arthouse-meets-Argento-Optik fügen sich zu einem fabelhaften Filmgenuss zusammen. »

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Gladowbande

Engel aus Eisen

Engel aus Eisen

D 1981, 105 Min. - Regie/Buch: Thomas Brasch. Darsteller: Ulrich Wesselmann, Hilmar Thate, Karin Baal, Katharina Thalbach

Engel aus Eisen ist der legendäre erste Film von Thomas Brasch, des ost- und später westdeutschen Lyrikers, Dramatikers, Autors, Shakespeare-Übersetzers, Regisseurs und früheren Straßenbauarbeiters und Fräsers, über den Friedrichshainer Bandenchef Werner Gladow, der kurz nach dem Krieg mit 17 Jahren schon Herr und Meister über eine beachtliche Anzahl Krimineller war und für seine Taten die Spannungen zwischen den vier Berliner Sektoren ausnutzte, bis man ihn jedoch in Friedrichshain nach einem krassen Schusswechsel stellte - bei dem vor 2000 Zuschauern auch seine Mama mithalf, die Bullen hinzuhalten - und den Prozess und danach den Garaus machte.

Thomas Brasch wurde kurz vor Kriegsende 1945 im englischen Exil als Sohn jüdischer Emigranten geboren, die 1947 in die Sowjetzone übersiedelten. 1976 reiste Brasch zusammen mit Katharina Thalbach nach Westberlin aus, wo sein Erfolg als Schriftsteller ("Vor den Vätern sterben die Söhne", 1977) und Regisseur ("Engel aus Eisen", 1981) begann. Nach der Wende wurde es ruhig um ihn, jedoch meldete sich Brasch 1999 mit dem Prosaband "Mädchenmörder Brunke" zurück. Zwei Jahre später starb er. Seine beiden Filme "Engel aus Eisen" und "Domino" zählen zu den wichtigsten Berlinfilmen, die die Zeit vor dem Mauerfall widerspiegeln.

Spielzeiten
April 2011
Filmkritik

Die Zeit: Als Berlin Chicago war
Es gab eine Zeit in Deutschland, da herrschte Chaos. Im Chaos ist sich jeder selbst der Nächste, er sieht, wo er bleibt, er gräbt sich seine Startlöcher selber. Das ist die Stunde der Gewitzten, der Lebenshungrigen, die groß werden wollen, und jeder kann groß werden im Chaos. Groß werden will Werner Gladow in Berlin... »

Der Spiegel: Berliner Ballade
Über alle Eitelkeit des Kunstarrangements und über allen Schick im Kult der Anarcho-Kamikazes von gestern und heute hinaus rumort in "Engel aus Eisen" ein Grimm gegen das Deutsche, der selbst zutiefst deutsch ist, ein wütender Widerwille gegen die deutsche Ordnungslust, der als deren blanke Fetische Beil und Schafott feiert. Ein sturer Film, ein deutscher Film, wir haben schon lange keinen so deutschen gehabt... »

Thomas Brasch bei der Verleihung des Bayrischen Filmpreises:
Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung... Ich danke den Verhältnissen für ihre Widersprüche. Und ich danke den Helden meines Films, den beiden toten Kriminellen Gladow und Völpel, für ihr Beispiel.

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Lothar Lambert

Mai 2011

Lothar Lambert

Vor 40 Jahren drehte er, damals noch mit seinem Partner Wolfram Zobus, seinen ersten Kurzfilm, ein Jahr später seinen ersten Langspielfilm. Seitdem ist Lothar Lambert, der Grandseigneur des Berliner und überhaupt deutschen Untergrunds sowie trans-, homo- und sonstwie sexuellen Kinos aus der West- und später Hauptstadtberliner Filmszene nicht mehr wegzudenken. Unschlagbare 17 Filme hat er bei der Berlinale unterbringen können, das dürfte kein anderer Regisseur je schaffen. Noch dazu als vollkommen und wahrhaft unabhängiger Filmemacher. Authentisch, (tragik-)komisch und erschütternd, so ist Lamberts Kino, das auch Zeitzeuge ist der Entwicklung in der Stadt Berlin seit Anfang der 70er Jahre. Stets mit wenig Geld und oft 1:1 gedreht, immer stark improvisierend, wurde jeder Fehler funktionalisiert und dadurch landet jeder Film immer dicht an der Wirklichkeit.

Biographie

Jan Gympel über Lothar Lambert
Niemand in Deutschland kann sich mit mehr Fug und Recht unabhängiger Filmemacher nennen als Lothar Lambert: Bislang 35 Filme seit 1971, fast durchweg aus eigener Tasche finanziert, als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, Darsteller und immer wieder auch als Cutter, Kameramann, Tonmann, Verleiher.

Kino über Sex und Sehnsüchte, Selbstverwirklichung und psychische Deformationen, Wünsche, Wohl und Wehe der wenig Beachteten im (zunächst nur West-) Berliner Großstadtdschungel. Und zwar so authentisch, erschütternd, tragikomisch, wie man es hierzulande selten findet. Weil sie – zumal für die braven deutschen Verhältnisse – ungewöhnlich schräg und "schmutzig" waren, wurden Lamberts Werke in den Siebzigern rasch als "Underground" klassifiziert. Und werden von den Kritikern und den Filmhistorikern in letzter Zeit zunehmend ignoriert. Längst auch zu Dokumenten des Zeitgeistes und damit der Zeitgeschichte avanciert, ist es überfällig, diese Arbeiten (wieder-) zu entdecken. »

Lothar Lambert
am 24. Juli 1944 in Rudolstadt in Thüringen geboren, wuchs aber rechtzeitig in Berlin auf

Lothar Lambert

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1 Berlin-Harlem

1 Berlin-Harlem

D 1974, 97 Min. - Regie, Buch, Produktion: Lambert & Zobus. Darsteller: Conrad Jennings, Louis Antonius, Claudia Barry, Ingrid Caven, Rainer Werner Fassbinder

Ein in West-Berlin stationierter Schwarzer quittiert seinen Dienst in der US-Armee und zieht zu seiner (weißen) Freundin, die bereits ein kleines Kind von einem anderen Dunkelhäutigen hat. Nach einem Streit mit ihrer Familie entzweit er sich auch mit ihr. Er schlägt sich so durch, begegnet immer wieder Rassismus, welcher sich auch in sexueller Zudringlichkeit äußert. Der letzte und beste Film in der Zusammenarbeit von Lothar Lambert und Wolfram Zobus.

Nachtvorstellungen

Nachtvorstellungen

D 1977, 60 Min. - Regie, Buch, Schnitt, Produktion: LoLa. Darsteller: Lothar Lambert, Cihan Anasal, Dagmar Beiersdorf, Beate Hasenau, Sylvia Heidemann

Einen jungen Verwaltungsangestellten verschlägt es nach einem abendlichen Streit beim Brettspiel mit seiner Freundin und seiner mütterlichen, dominanten Schwester, mit der er zusammenlebt, in ein Kino. Dort läuft ein Film, der eine Situation beschreibt, welche der seinen auffallend gleicht: Ein junger Beamter, der bei seiner dominanten Mutter wohnt, entflammt für einen jungen türkischen Antragsteller, bricht mit seinem bisherigen Leben und seiner Dauerverlobten, die im gleichen Amt arbeitet und zieht mit dem Türken zusammen und veruntreut schließlich zu dessen Gunsten Geld.

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