Programmarchiv Januar 2011

Veit Harlan beim Film Veit Harlan
geb. 22.09.1899 in Berlin,
gest. 13.04.1964 auf Capri

27./28.01.11

Film und Diskussion

Melodram und NS-Propaganda

Filme von Veit Harlan

Der Sohn des Schriftstellers Walter Harlan wurde am wurde am 22.09.1899 in Berlin geboren. Nach einem Schauspielunterricht am berühmten Max Reinhardt-Seminar trat Veit Harlan 1915 zum ersten Mal im Theater auf. Ein Jahr später meldet er sich freiwillig zur Westfront im Ersten Weltkrieg. Nach dessen Ende arbeitet Harlan als Schauspieler an der Berliner Volksbühne am Bülowplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz).

1935 führt Veit Harlan bei seinem ersten Spielfilm Regie, seinen Durchbruch schafft er 1937 mit dem Film DER HERRSCHER, einer Synthese aus Gerhard Hauptmann und nationalsozialistischer Ideologie. In Folge dreht er bis zum Ende des Dritten Reiches jedes Jahr einen Film und erhält verschiedene Auszeichnungen, zuletzt 1943 die Professur zum 25. Jahrestag der Ufa. 1940 dreht Harlan in Zusammenarbeit mit Josef Goebbels den antisemtischen Propagandafilm JUD SÜSS, von 1943-45 führt er im Auftrag Goebbels die Regie beim Durchhaltefilm KOLBERG.

Nach Kriegsende flüchtet Veit Harlan nach Hamburg und wird als politisch unbelastet eingestuft. Aber 1949 wird am Hamburger Landgericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein Prozeß gegen ihn eröffnet. Hauptvorwurf ist die psychologische Vorbereitung des Holocaust durch den Film JUD SÜSS. Harlan behauptet, zur Regie von Goebbels gezwungen worden zu sein und wird für viele Menschen zur Symbolfigur. Zeugen, die gegen ihn aussagen, werden beschimpft.

Am Ende wird Harlan vom Richter Walter Tyrof, gegen den Ende der 50er Jahre selbst ermittelt wird aufgrund seiner Tätigkeit als Staatsanwalt am NS-Sondergericht, freigesprochen. Ein Jahr später erhält Harlan, der sich darauf beruft, dass seine Kunst von den Machthabern missbraucht worden sei, im Revisionsprozeß einen erneuten Freispruch – vom selben Richter.

Für Aufsehen sorgt Ende 1950 der Aufruf zum Boykott des ersten Harlanfilms seit Kriegsende durch den Hamburger Senatsdirektors Erich Lüth. Dieser erhält eine Unterlassungsverfügung wegen Sittenwidrigkeit, legt jedoch Beschwerde beim Verfassungsgericht ein, der in einem bis heute gültigen Urteil über die Bedeutung der Meinungsfreiheit stattgegeben wird (Lüth-Urteil).

Veit Harlan ist der einzige Künstler, der sich für seine Arbeiten zwischen 1933-45 verantworten musste.

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Retrospektive Rudolf Thome Retrospektive Rudolf Thome
Programmflyer mit Spielplan

13.-26.01.11

Retrospektive

Rudolf Thome

Mit 71 Jahren und fast 30 Filmen ist Rudolf Thome nicht nur einer der dienstältesten, sondern auch beständigsten deutschen Regisseure. Seit seinem Spielfilmdebüt DETEKTIVE von 1968 mit Marquard Bohm, Uschi Obermaier und Ulli Lommel dreht er regelmäßig Kinofilme. Thomes zweiter Spielfilm ROTE SONNE, ebenfalls mit Bohm und Obermaier, ist ein Klassiker des Neuen Deutschen Films, ein Kultfilm der bis heute nichts von seiner lässigen Ausstrahlung und Faszination verloren hat.

Rudolf Thomes Filme beschäftigen sich seit mehr als 40 Jahren mit Liebesbeziehungen und Beziehungsproblemen, von Münchner Kommunen der 68er-Ära über das Westberlin der 80er Jahre bis hin zum heutigen Berlin. Seine ruhigen Porträts des Bildungsbürgertums ziehen meist nur ein kleines Publikum an und sind dennoch alle kleine Perlen, die mit den Filmen des französischen Regisseurs Eric Rohmer verglichen werden können.

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Das rote Zimmer Filmplakat Das rote Zimmer
D 2010, 101 min
Regie u. Buch: Rudolf Thome
Darsteller: Peter Knaack, Katharina Lorenz, Seyneb Saleh

13.-26.01.11

Das rote Zimmer

Fred Hintermeier hat einen ungewöhnlichen Beruf: er ist "Kussforscher". Am Institut für Biochemie in Berlin forscht er nach Antworten auf die Frage, was beim Küssen im Organismus des Menschen passiert.

Hintermeier selbst ist Single, er hat keine Frau und keine Freundin, die er küssen könnte. Nach dem Kauf eines antiken Tabletts, das ihn auf magische Weise angezogen hat, lernt er plötzlich Luzie kennen, eine junge Schriftstellerin, die mit ihrer Freundin Sibil auf dem Land lebt. Da ihr Ex-Mann ihr nur noch ein Jahr lang Unterhalt zahlen wird, muss Luzie einen Bestseller schreiben. Ihr selbst gewähltes Thema: die "Seele des Mannes".

Schon bald entspinnt sich zwischen Fred und den beiden Frauen eine eigentümliche Dreiecksbeziehung.

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Au revoir Taipeh Filmplakat Au revoir Taipeh
Taiwan 2010, 85 min
Regie u. Buch: Arvin Chen
Darsteller: Amber Kuo, Jack Yao

20.-02.02.11

Au revoir Taipeh (OmU)

Original version with German subtitles

Einen seltsamen Kunden hat die große Buchhandlung in Taipeh: Nie kauft er etwas, doch Nacht für Nacht hockt er vor den Regalen auf dem Boden und blättert in den Französisch-Lehrbüchern. Kais Freundin ist nach Paris gezogen, und er träumt davon, ihr zu folgen.

Als ein freundlicher alter Gangster aus der Nachbarschaft Kai einen Deal vorschlägt – ein Ticket nach Paris gegen einen "Kurierdienst" – bleibt allerdings keine Zeit mehr für Traurigkeit. Es beginnt eine turbulente Nacht, in der eine Gruppe von Möchtegern-Ganoven in orangefarbenen Anzügen Kais besten Freund entführt, ein nicht so cooler Polizist Dienst und Liebesleben durcheinander bringt und Kai Paris aus den Augen verliert, weil er sich frisch verliebt: in Susie, die Buchhändlerin.

Der in Kalifornien aufgewachsene Arvin Chen, dessen Kurzfilm MEI 2007 den Silbernen Bären der Berlinale Shorts gewann, hat sein Spielfilmdebüt als spielerische Hommage an seine quirlige, bunte Wahlheimat und ihr reges Nachtleben inszeniert, das sich hinter Paris nicht verstecken muss. Unterstützt von einem wunderbaren Darstellerensemble, vermengt er virtuos Slapstick und Romanze, Spannung und Skurrilität zu einem Werk voller Wärme und Hingabe.

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The Good Heart - Poster The Good Heart
USA/Island/D 2009, 95 min
Regie u. Buch: Dagur Kári
Darsteller: Paul Dano, Brian Cox, Isild Le Besco

06.-19.01.11

Ein gutes Herz (OmU)

Original version with German subtitles

Jacques ist der griesgrämige Besitzer einer heruntergekommenen New Yorker Kneipe, die einem bunten Haufen von Trinkern als Zuhause dient. Er ist dabei, sich konsequent zu Tode zu saufen, und liegt nach seinem mittlerweile fünften Herzinfarkt in der Klinik. Sein Zimmernachbar ist der Obdachlose Lucas. Der gutmütige Aussteiger fühlt sich dem täglichen Kampf ums Überleben nicht gewachsen, und wurde nach einem kläglich gescheiterten Selbstmordversuch ebenfalls eingeliefert.

Nachdem beide entlassen sind, landet Lucas wieder auf der Straße. Jacques, der jeden Moment damit rechnen muss abzutreten, erkennt in Lucas einen würdigen Nachfolger und nimmt ihn bei sich auf. Er unterweist den Jungen in seiner reichlich eigenwilligen Kneipen-Philosophie: Ein perfekter Espresso ist die höchste Kunst, Neukunden sind stets unwillkommen, keine Kumpanei mit Gästen, aber vor allem: Absolutes Frauenverbot! Lucas lernt schnell, doch als die Liebe in Form der schönen, betrunkenen Stewardess April in die Bar stolpert, wird die Freundschaft der beiden auf die Probe gestellt.

Der Isländer Dagur Kari hat nach NóI ALBINóI und DARK HORSE einen wunderbar komischen und rührenden Film gemacht, der in bester Tradition von Regisseuren wie Kaurismäki und Jarmusch steht.

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Ein flexible Frau - Filmplakat Eine flexible Frau
D 2010, 97 min
Regie u. Buch: Tatjana Turanskyj
Darsteller: Mira Partecke, Laura Tonke

06.-12.01.11

Eine flexible Frau

Am 07.01. findet mit der Regisseurin Tatjana Turanskyj ein Publikumsgespräch statt.

Greta, 40, Architektin, Mutter eines zwölfjährigen Sohns, getrennt lebend, verliert ihren Job. Sie beginnt in einem Callcenter zu arbeiten, wird aber schon bald wieder gekündigt. Sie versucht mit aller Kraft, sich nicht unterkriegen zu lassen, fängt an zu trinken und treibt durch die Stadt – zwischen Anpassungsdruck und Widerspruchsgeist.

A Woman Under the Influence – in Berlin zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Im sogenannten neuen Berlin, von den Brachen hin zu den Townhäusern. Im globalisierten, flexiblen Kapitalismus. Im Post-Feminismus. Mit dem jeweils dazugehörigen Vokabular: Theorie-Bruchstücke, Floskeln, Modeworte, Zitate. Eine Frau mit einer Vision, vom urbanen Raum, von sich, von ihrem Beruf, von ihrem Leben mit ihrem Kind. Doch die Verhältnisse sind nicht so.

Greta auf Partys, im Callcenter, beim Bewerbungs-Coach, mit ihrem Sohn, mit Exkollegen, im Jobcenter, in Kneipen, bei Stadtspaziergängen. Kämpferisch, hysterisch, eigensinnig, wie in Trance, widerspenstig, hemmungslos, überschwänglich und todtraurig. Situationen, Begegnungen, Performances. Mehr Trip als Plot. Momentaufnahmen einer zeitgenössischen, brüchigen weiblichen (Arbeits-)Biografie. Eine flexible Frau als allseitig reduzierte Persönlichkeit.

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Banksy - Filmplakat Banksy – Exit Through the Gift Shop
USA/UK 2010, 86 min
Regie: Banksy

01.-12.01.11

Banksy – Exit Through the Gift Shop (OmU)

Original version with German subtitles

"Ein Film über einen Mann, der versucht hat, einen Film über mich zu drehen", so beschreibt Banksy seinen ersten Spielfilm. Der britische Graffitikünstler ist für seine längst zu Ikonen gewordene Straßenkunst berühmt und streng darauf bedacht, seine Identität geheim zu halten, um einer möglichen Strafverfolgung zu entgehen. Darum überrascht es auch nicht, dass er nicht bereit war, sich von einem exzentrischen französischen Ladenbesitzer namens Thierry Guetta filmen zu lassen.

Der Film verfolgt Thierrys Versuche, die Welt der Graffitikunst en detail einzufangen, indem er sich an die Fersen der bekanntesten Graffiti-Vandalen heftet, die auf den Straßen ihrer Tätigkeit nachgehen. Wir verfolgen Thierrys Versuche, Banksy aufzuspüren und sich mit ihm anzufreunden, woraufhin der Künstler die Kamera gegen ihren Besitzer wendet, was spektakuläre Ergebnisse zeitigt. Eine provozierende wahre Geschichte über Kleinkriminalität, Kameradschaft und Inkompetenz. Eine Geschichte darüber, wie ein Mann sich daran machte, das Unfilmbare zu filmen. Und scheiterte.

Die Londoner "Times" hat Banksy einmal einen "wahren Volksmaler" genannt. Seine Schwarzweißbilder von sich küssenden Polizisten und Straßenkämpfern, die mit Blumen um sich werfen, sind inzwischen weithin populäre Motive. Zu sehen sind seine Arbeiten unter anderem in New Orleans, wo sie nach der Heimsuchung durch den Wirbelsturm Katrina entstanden, aber auch im palästinensischen Westjordanland. Banksys Graffiti kombinieren schrägen Humor mit politischen Kommentaren – was man auch von seinem Kinodebüt, den er "the world's first street art disaster movie" nennt, erwarten darf.

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I Am Love Poster I Am Love
I 2009, 120 min
Regie: Luca Guadagnino
Darsteller: Tilda Swinton, Alba Rohrwacher, Flavio Parenti

01.-05.01.11

I Am Love (OmU)

Original version with German subtitles

Emma (Tilda Swinton) hat alles. Die russische Frau des Oberhauptes einer alteingesessenen Mailänder Modedynastie ist reich, elegant und sorgenfrei. Fast schlafwandlerisch bewegt sie sich durch ein Leben, das aus endlosen Dinnerparties und Treffen mit ihren erwachsenen Kindern besteht. Doch dann begegnet sie dem Koch Antonio. Zunächst ist sie von seinen Kreationen bald aber auch von dem jungen Mann selbst fasziniert. Ohne es zu wollen, wird Emma durch Antonios außergewöhnliche Kochkunst verführt und in seinen Bann gezogen. Zum ersten Mal erkennt sie, wer sie wirklich ist und mit Antonio erlebt sie eine Leidenschaft, die ihr in ihrem luxuriösen und doch kalten Ehealltag bisher fremd war.

Tilda Swinton brilliert mit ihrem intensiven Spiel in dem bewegenden Film des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino. Ein cineastisches Festessen, das mit seinen hypnotischen und erotischen Bildern den Zuschauer von der ersten Minute fesselt.

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Machete Poster Machete
USA 2010, 105 min
Regie: Robert Rodriguez
Darsteller: Danny Trejo, Robert De Niro, Jessica Alba, Michelle Rodriguez, Steven Seagal

01.-05.01.11

Machete

» Filmwebseite

They just messed with the wrong Mexican. Krudes Einwanderungsdrama und trashiger Actionfilm mit absurder Handlung und deftigen Dialogen, und dennoch ein deutlicher politischer Kommentar zur Migration zwischen Mexiko und Texas nach dem Motto: Einwanderer können auch anders!

Druglord Torrez tötet Machetes Familie, weil er ihm als gefürchteter Ermittler der mexikanischen Bundespolizei zu nahe gekommen war. Machete flüchtet nach Texas, um seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch er findet sich wieder in einem Netz aus Korruption und Betrug. Der skrupellose Geschäftsmann Booth erpresst ihn, den rassistischen Senator McLaughlin (Robert De Niro) zu erschießen. Aber das Ganze ist eine Falle, denn der Senator möchte härtere Einwanderungsgesetze durchpeitschen. Doch da sei Machete vor!

Der nach einem Faketrailer gedrehte Film ist Robert Rodriguez bester seit langem und auch Schauspielheroe Robert De Niro ist mit sichtlicher Freude dabei. An der Originalfassung ohne Untertitel muss sich niemand stören, der Film ist eh recht graphisch orientiert!

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Berlin Calling Poster Berlin Calling
Deutschland 2008, 109 min
Regie u. Drehbuch: Hannes Stöhr
Musik: DJ Kalkbrenner
Darsteller: Paul Kalkbrenner, Rita Lengyel, Corinna Harfouch

täglich

Berlin Calling (engl.UT)

German version with English subtitles

"Paul Kalkbrenners wunderbarer Soundtrack spricht eine andere Sprache. Vielleicht ist es der sentimentalste Techno aller Zeiten, aber er liefert dem Film eine nuancierte emotionale Struktur. Und Kalkbrenners zurückgenommenes Schauspiel ist dem ebenbürtig."
(Frankfurter Rundschau)

Der Friedrichshainer DJ Paul Kalkbrenner ist Martin Karow ist DJ Ickarus und fliegt von Gig zu Gig, von Stadt zu Stadt und von einem Trip zum nächsten und von da in die Klinik. Psychiaterin Petra Pau (Corinna Harfouch) soll ihn von den Drogen runterbringen und therapieren, doch immer wieder bricht Ickarus die Regeln, flippt aus und feiert seine Exzesse.

Toller Film über Drogen, Musik und Rauschzustände, über das Musikbusiness und natürlich über Friedrichshainer Hippness. Einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre und der erfolgreichste Filme bei uns in den Tilsiter Lichtspielen ever!

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