Berliner Kinos 1945 und 2020

The long night

Kino Kneipe Kirche

"Das Kino konkurriert nicht nur mit der Kneipe, sondern auch mit der Kirche." (Leo Trotzki, "Schnaps Kirche Kino")
Berlin, 28. April 1945: "Der Betrieb von Vergnügungsstätten (Kino, Theater, Zirkus, Stadien), Gottesdienste in den Kirchen, und der Betrieb von Restaurants und Gaststätten ist bis 21:00 Uhr Berliner Zeit erlaubt."

Wenn sie nicht erwachen, Mai, von deinem Hauch…

Die oben zitierte Verordnung aus dem Jahre 1945 ist dem Befehl Nr. 1 des ersten sowjetischen Stadtkommandanten von Groß-Berlin entnommen. Vor genau 75 Jahren befahl Generaloberst Nikolai Bersarin unter Punkt 9 die Versorgung der arg geschrumpften Berliner Bevölkerung mit Kultur, während am Alexanderplatz noch heftig geschossen wurde und der Führer noch zwei weitere Tage zu führen und sich zu verheiraten hatte.

Als 12 Tage zuvor die Offensive gegen Berlin begann, gab es noch genügend Kinos in der Stadt, die in ihrem Spielbetrieb nicht durch Bombenschäden eingeschränkt oder ganz zerstört waren. Das Kinoprogramm für den 16. April bot von „Kollege kommt gleich“ bis „Kolberg“ die ganze Bandbreite nationalsozialistischen Filmschaffens. Vier Tage später wurde in Berlin der Belagerungszustand ausgerufen und dann ging auch das Stromnetz der alten Bewag in die Knie, jedenfalls als Gesamtberliner Netz. Somit käme der 20. April auch als letzter Kinotag in Berlin zu Kriegszeiten in Betracht.

Vier Tage nach dem Befehl Nr. 1 war Berlin kapitulationsbereit, allerdings wurde an einzelnen Hotspots wie dem Volkspark Humboldthain bis zum Mittag des 3. Mai durchgekämpft, dann war auch dort Ruhe. Bereits eine Woche nach dem endgültigen Kriegsende am 8. Mai öffneten in Berlin wieder die ersten Kinos ihren Spielbetrieb. Alles in allem war das Kinoprogramm in der durch die Kampfhandlungen besonders stark zerstörten Stadt nicht einmal vier Wochen unterbrochen.

"17 Lichtspieltheater sind bereits in Berlin wiedereröffnet worden. Es werden Sowjetfilme vorgeführt. Der Andrang des Publikums ist sehr bedeutend."

Bereits am 15. Mai meldete die erste Ausgabe der „Täglichen Rundschau“, der ersten Berliner Nachkriegszeitung, die „Wiederherstellung des normalen Lebens in Berlin“. Die Wiederöffnungsrate der Kinos war beträchtlich, nur zwei Tage später standen den Berlinern bereits 30 Kinos zur Auswahl.

Zwar gab es tatsächlich nur Spielfilme in sowjetischer Originalsprache ohne Untertitel zu sehen, aber das schien den Zuschauern völlig egal zu sein. „Jede Vorstellung ist ausverkauft, obgleich kein Mensch der Handlung folgen kann. Aber die Sprache ist unwichtig.“ Der umtriebige Kinobetreiber Walter Jonigkeit (Kurbel, Delphi) startete mit „Um sechs Uhr nach Kriegsende“ und „Maschenka“ durch, die Verleihbedingungen eines russischen Soldaten, der sich in einem Pankower Tabakladen mit einem kleinen Filmlager eingerichtet hatte, waren denkbar simpel: „Wenn du wiederbringen, du bekommen Maschenka“. Zuvor hatte Jonigkeit die Reparaturgelder für die von Kriegsschäden betroffene Kurbel mit demontierten Panzerfäusten aufgebracht, die noch zuhauf in seinem als Munitionslager umfunktionierten Kino lagerten. Panzerfäuste brauchte natürlich kein Mensch mehr, aber die Zündhütchen ließen sich gut auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Rio und Delphi in Weißensee, Babylon in Mitte, Marmorhaus in Charlottenburg, Xenon in Schöneberg, Lichtspiele Kaiserplatz in Wilmersdorf, Titania-Palast in Steglitz… überall in Berlin brach im Mai der Kinofrühling aus. In Friedrichshain gehörten die Börsen-Lichtspiele in der Proskauer Straße am Forckenbeckplatz zu den ersten Kinos in Ruinen. Eine Familie Schmidt hatte mit zwei aufgetriebenen Ernemann-Maschinen das besitzerlose Kino unter dem neuen Namen „Park-Kino“ in Betrieb genommen. Der junge John Stave, bekannt für seinen Friedrichshain-Bestseller „Stube und Küche“, arbeitete dort als Platzanweiser und Reklamemaler. Irgendwann war aber der alte Besitzer des Kinos wieder da und Familie Schmidt verschwand so, wie sie gekommen war, inklusive der beiden Projektoren.

Bersarin Befehl Nr. 1 Berlin 1945
Berliner Ehrenbürger Nikolai Erastowitsch Bersarin

Zu dieser Zeit bekannte Bersarin im Interview, „ich versichere Ihnen, daß Kämpfen wesentlich leichter ist als die Verwaltung einer so großen Stadt.“ Nur einen Monat später verunglückte er um fünf Uhr morgens bei einer Kollision seines Motorrads mit einem sowjetischen LKW-Konvoi an der auch heute noch bei Verkehrsunfällen häufig erwähnten Kreuzung Alt-Friedrichsfelde/Am Tierpark. Mit der Zeit hat sich seine Figur in eine Art sowjetischen James Dean verwandelt, um die sich mysteriöse Todesumstände wie Efeu ranken. Der bekennende Bersarin-Fan Götz Aly schrieb einmal vom „Sowjet-Rocker auf der Harley, der mit der Locke im Wind starb“.

Wo wir bei transzendenten Tendenzen sind: John Stave wurde in der Pfingstkirche getauft, die sich den Tilsiter Lichtspielen entgegengesetzt auf der anderen Seite des großen Häuserblocks befindet, der von Richard-Sorge-Straße, Straßmannstraße, Mühsamstraße und Petersburger Platz/Straße eingerahmt wird. Letztere wurde 1947 zusammen mit dem Baltenplatz nach Bersarin benannt. Und während der Bersarinplatz auch heute noch so heißt, wurde 1991 die gleichnamige Straße mit dem weit über die Dächer Friedrichshains hinweg sichtbaren Pfingstkirchenturm wieder in Petersburger umbenannt. Just drei Monate nach der Rückbenennung Leningrads in St. Petersburg.

Die Russen und das Berliner Nachkriegskino bilden ein Narrativ, das auch ohne Russen fortgeführt werden kann. Vor ein paar Jahren erzählte der Filmhistoriker und Berlinale-Kurator Ulrich Gregor in einem Radiointerview, wie er, um Kopien russischer Filme zu besorgen, zu DDR-Zeiten mit der S-Bahn nach Ostkreuz gefahren sei, um dort im großen Filmlager des Progress-Filmverleihs in der Laskerstraße, in dessen Räumlichkeiten heute das ZUKUNFT residiert, mit den Chefs Wodka zu trinken. Billy Wilder, Eins Zwei Drei. Mit ohne Cola.

Tilsiter Lichtspiele Once Upon a Time

Und im Jahre 2020? In Berlin gelten erst einmal die immer wieder neu aktualisierten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie mit Schließzeiten für Kinos bis… 26. April… 10. Mai… 05. Juni…

Das wären dann seit Beginn der Quarantänezeit am 14. März über zwei Monate ohne Filme vor Publikum, die längste Betriebspause der – nicht nur Berliner, sondern interkontinentalen – Kinowirtschaft seit 110 Jahren, wenn man einmal 1910 als Jahr einer fest etablierten Kinolandschaft mit täglichen Vorstellungen vereinbart.

Nahezu täglich melden sich, wie so ziemlich aus allen Branchen, auch die Vertreter der Filmindustrie und der Kinos mit Forderungen nach Unterstützung zu Wort und die Medien bedienen von "Die Zukunft des Kinos ist dunkel" über "Warum die Kinobranche eine halbe Milliarde Euro braucht" bis zu "Popcorn vs. Mundschutz" und "Das schöne Dunkel" die gesamte emotionale Palette.

In der Tat wird es bald sehr eng für viele Kinos. Zwar können gerade die Programmkinos auf die Unterstützung ihrer treuen Filmliebhaber bauen, die seit Mitte März fleißig Kinogutscheine kaufen. Aber das wird mit der Zeit ein eigentümliches Geschäfts- und Kulturmodell. Besucher, die zuhause ihre Lieblingsfilme und –serien schauen und zur materiell-ideellen Unterstützung ihrer Lieblingskinos online Gutscheine kaufen. Mit denen die Kinos vielleicht gerade so ihre Mieten zahlen können. Und wenn sie dann eines Tages entschwunden, kann man die Gutscheine ausdrucken und einrahmen lassen, so wie alte Kriegsanleihen.

...wenn sie nicht erwachen, die entschlafen sind.

In diesem Sinne:
Zeichnet Kinogutschein!

Und somit zu guter Letzt endlich auch der überfällige und allerherzlichste Dankesgruß an all die lieben Kinofreund*Innen, die in diesen besucherlosen Tagen so viele Kinogutscheine bei uns gekauft haben! Wir werden es Euch dereinst mit guten Filmen heimzahlen!

Be seeing you!
W. Gladow

Literaturempfehlungen:
Borgelt, Hans: Filmstadt Berlin, Berlin 1979.
Hanisch, Michael: Kino und Film im Berlin der Nachkriegszeit, Berlin 2003.
Kuby, Erich: Die Russen in Berlin 1945, München 1965.
Stave, John: Stube und Küche. Erlebtes und Erlesenes, Berlin 1987.

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