111 Jahre Tilsiter Lichtspiele

Historisches Kino Tilsiter Lichtspiele

111 Jahre Tilsiter und 25 Jahre Wiedereröffnung

Am 28. Februar 2019 veranstalten wir in den Tilsiter Lichtspielen ein kleines Rahmenprogramm anlässlich unseres 111. Geburtstages, welcher zugleich den 25. Jahrestag unserer Wiedereröffnung markiert.

Symbolisch für Vergangenheit und Zukunft stehend, zeigen wir an diesem Tag neben unseren bewährten Eigenproduktionen aus den 1990er Jahren, wie beispielsweise die DDR-Groteske DIE WAHRHEIT ÜBER DIE STASI, die wir zu jedem guten Anlass als Erinnerung an die wilde Zeit jenes Jahrzehnts präsentieren, die beiden Filme DIE REISE NACH TILSIT (1939) und ROMA (2018).

Gerade erst hat ROMA, wie von manchen erhofft und anderen wiederum befürchtet, drei Oscars abgeräumt, für den Besten fremdsprachigen Film, die Beste Regie und die Beste Kamera (zum ersten Mal überhaupt für Regisseur und Kameramann in Personalunion). Der im Kontext sich dramatisch verändernder technologischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für den klassischen Kinomarkt umstrittene, aber herausragende Arthouse-Film von Alfonso Cuarón steht vielen Kinos, gerade in Deutschland, für eine ungewisse und umkämpfte Zukunft, in der sich das Schicksal der traditionellen Filmkunsthäuser entscheiden wird. Und in der stark gegen einen „erzkapitalistischen“ Streaming-Anbieter polemisiert wird, der den sozialen Ort Kino kaputt zu machen droht. Glücklicherweise ist der Kinomarkt etwas komplexer und die rege Beteiligung vieler kleiner Produktionen, von denen einige gerade bei uns eine erhöhte Aufmerksamkeit erhalten, bietet insofern keinen Grund zur Klage.

Die Reise führt nach Tilsit

Eine Reise in die Vergangenheit, zurück zur Herkunft unseres Kinonamens mit dem in Vergessenheit geratenen ostpreußischen Namen Tilsit, entfaltet ein weites Tableau der großen und bedeutungsschweren Geschichte, die nicht mit der mystischen, mit beiläufiger Tragik erzählten Novelle DIE REISE NACH TILSIT von Hermann Sudermann beginnt und auch nicht mit deren Verfilmung durch „des Teufels Regisseur“ Veit Harlan endet. Es ist ein Rückblick in eine sich entfernende und unschärfer werdende Vergangenheit, in der Jahrhunderte und Jahrzehnte deutscher, polnischer, litauischer und russischer Geschichte verschmelzen und oft schwer voneinander zu scheiden sind.

»In Tilsit ist ein Kirchturm«, sagt er, »der ruht auf acht Kugeln, und darum hat ihn der Napoleon immer nach Frankreich mitnehmen wollen. Er ist ihm aber zu schwer gewesen. Eine so merkwürdige Sache muß man doch sehen.« Die Indre lächelt ihn bloß so an, sagt aber nichts. »Außerdem«, fährt er fort, »gibt es ja ein Lied, das geht so:

Tilschen, mein Tilschen, wie schön bist du doch!
Ich liebe dich heute wie einst,
Die Sonne wär‘ nichts wie ein finsteres Loch,
Wenn du sie nicht manchmal bescheinst.

Nun weißt du hoffentlich, was für eine schöne Stadt Tilsit ist.«

Aus: Die Reise nach Tilsit. Eine litauische Geschichte von Hermann Sudermann (1917)

Eine schöne Frau aus der Stadt verführt einen wohlhabenden Fischer am Haff im Memelland, der ihr leidenschaftlich verfällt. Seine Frau kämpft tapfer um ihre Ehe, doch fatale Konsequenzen bahnen sich an...

Das scheinbar unpolitische, mit lohnenswertem Aufwand naturalistisch gefilmte Beziehungsmelodram erhält durch sein Entstehungsjahr 1939 einen historischen Kontext, der es wie auch viele andere Filme von Veit Harlan mit der Ästhetik und Propaganda des Dritten Reiches verbindet. Insbesondere vor dem Hintergrund der Filmpremiere zwei Monate nach dem Überfall auf Polen lässt sich nicht ignorieren, dass Sudermanns „litauische Geschichte“ bei Harlan - unter der filmpolitischen Schirmherrschaft seines Gönners und „Teufels“ Goebbels - zu einer Filmerzählung vom Einbruch einer unheilvollen, lasterhaften polnischen Femme fatale in das geordnete Leben einer deutschen Fischerfamilie geriet. Und damit das eigentlich vertraute Genresujet unter Verdacht, an der nationalsozialistischen Erzählung von Volk, Rasse und Nation mitzuwirken.

Der Stoff war 1927 schon einmal von F.W. Murnau unter dem Titel SONNENAUFGANG - LIED VON ZWEI MENSCHEN in Hollywood verfilmt worden. Murnaus Amerikadebüt gewann 1929 auf der allerersten Oscar-Verleihung drei Oscars, u.a. für den Besten Film. Harlan gab hierzu 1960 im Interview mit dem amerikanischen Filmhistoriker David Stewart Hull einen Einblick in seine Auffassungen von Filmästhetik und -produktion:

„Ich war ein Freund Murnaus, solange dieser in Deutschland war. Später dann, als er Deutschland verlassen hatte, habe ich SONNENAUFGANG gesehen. [..] Murnaus Film war ein einziges Dekorationsstück, ausschließlich im Studio produziert. Meine Version wurde an der Memel, wo die Handlung spielt, gedreht. SONNENAUFGANG war ein poetisches Werk, aber, nehmen Sie es mir nicht übel, mein Film war wirklich ein Film.“

Veit Harlan: "Des Teufels Regisseur"

Der Sohn des Schriftstellers Walter Harlan wurde am 22.09.1899 in Berlin geboren. Nach einem Schauspielunterricht am berühmten Max Reinhardt-Seminar trat Veit Harlan 1915 zum ersten Mal im Theater auf. Ein Jahr später meldet er sich freiwillig zur Westfront im Ersten Weltkrieg. Nach dessen Ende arbeitet Harlan als Schauspieler an der Berliner Volksbühne am Bülowplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz). 1935 führt Veit Harlan bei seinem ersten Spielfilm Regie, seinen Durchbruch schafft er 1937 mit dem Film DER HERRSCHER, einer Synthese aus Gerhard Hauptmann und nationalsozialistischer Ideologie. In Folge dreht er bis zum Ende des Dritten Reiches jedes Jahr einen Film und erhält verschiedene Auszeichnungen, zuletzt 1943 die Professur zum 25. Jahrestag der Ufa. 1940 dreht Harlan in Zusammenarbeit mit Josef Goebbels den antisemtischen Propagandafilm JUD SÜSS, von 1943-45 führt er im Auftrag Goebbels die Regie beim Durchhaltefilm KOLBERG.

Nach Kriegsende flüchtet Veit Harlan nach Hamburg und wird als politisch unbelastet eingestuft. Aber 1949 wird am Hamburger Landgericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein Prozeß gegen ihn eröffnet. Hauptvorwurf ist die psychologische Vorbereitung des Holocaust durch den Film JUD SÜSS. Harlan behauptet, zur Regie von Goebbels gezwungen worden zu sein und wird für viele Menschen zur Symbolfigur. Zeugen, die gegen ihn aussagen, werden beschimpft. Am Ende wird Harlan von Richter Walter Tyrof - gegen welchen Ende der 1950er Jahre selbst ermittelt wird aufgrund dessen Tätigkeit als Staatsanwalt am NS-Sondergericht - freigesprochen. Ein Jahr später erhält Harlan, der sich darauf beruft, dass seine Kunst von den Machthabern missbraucht worden sei (er sei des Teufels Regisseur gewesen), im Revisionsprozeß einen erneuten Freispruch – vom selben Richter.

Für Aufsehen sorgt Ende 1950 der Aufruf zum Boykott des ersten Harlanfilms seit Kriegsende durch den Hamburger Senatsdirektors Erich Lüth. Dieser erhält eine Unterlassungsverfügung wegen Sittenwidrigkeit, legt jedoch Beschwerde beim Verfassungsgericht ein, der in einem bis heute gültigen Urteil über die Bedeutung der Meinungsfreiheit stattgegeben wird (Lüth-Urteil). Veit Harlan ist der einzige Künstler, der sich für seine Arbeiten zwischen 1933-45 verantworten musste.

Andere bedeutende Künstler mit einer Special Relationship zur nationalsozialistischen Macht waren Leni Riefenstahl mit ihrem nahezu unbekümmert erscheinenden Verhältnis zu Adolf Hitler (siehe Dokumentarfilm Die Macht der Bilder sowie ihre Memoiren) und Gustaf Gründgens und sein Protegé Hermann Göring (siehe Mephisto - Film und Roman).

Siehe auch: Veit Harlan in der Wikipedia | Die Reise nach Tilsit